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Von Oliver Wibihal
In den sechziger und siebziger Jahren importierte Douglas B. Marshall, der Besitzer der früheren Gleannloch-Farm, einige der einflussreichsten Ägypter in die USA. Sie alle nahmen mit überwältigenden Erfolgen an Schauen teil - in Zuchtklassen aber vor allem auch in den verschiedensten Reitklassen. Der berühmteste von allen war wahrscheinlich der Hengst Morafic. Wie war Douglas B. Marshall auf die ägyptischen Araber aufmerksam geworden? Was faszinierte ihn? In seiner Jugend diente er in der Kavallerie und dort lernte er Pferde kennen, die schnell sein mussten, reitbar und arbeitswillig. "General von Szandtner, der die Weichen für das moderne Zuchtprogramm der EAO stellte, war ein Kavallerie-Offizier. Bei Pferden legte er auf die gleichen Dinge wert wie ich", berichtet Marshall. "Weil sie meinen Ansprüchen an Typ ohnehin genügten, sah ich immer zuerst auf ihre Beine", erinnert er sich an seine Besuche in El Zahraa. "Denn ein Pferd muss ein gutes Fundament besitzen, um ein wirklicher Athlet zu sein. Kriegspferde, Kavalleriepferde, Beduinenpferde waren alle auf gesunde Beine angewiesen, um zu überleben. Nach welchen anderen Kriterien könnte man wohl arabische Pferde bewerten?" Da fallen uns doch sicher einige andere ein. Wie wäre es mit einem hübschen Kopf...
Mittlerweile ist es Mode geworden sich ein künstlich erzeugtes Ideal zum Vorbild zu nehmen. Frauen in fast allen Ländern der Welt hungern sich buchstäblich zu Tode, um so schlank zu sein wie die so genannten "Supermodels", die sie von den Titelseiten der Magazine aus anlächeln. Die traurige Wahrheit ist, dass die meisten Models ihre stromlinienförmige Gestalt durch krankmachende Diäten erreichen und ihnen jeder Arzt Anorexie attestieren würde. Doch Millionen normalgewichtiger Mädchen und Frauen riskieren ihre Gesundheit, um einmal so ungesund schlank auszusehen wie eine von ihnen oder wie Fernsehstar Sarah Jessica Parker aus "Sex and the City". Neue Studien belegen, dass auch Männer vor dem Schönheitswahn nicht verschont bleiben. Bei ihnen heißt die Frage "Waschbrett oder Waschbär", denn das Ziel ist ein möglichst athletisches Aussehen und ein definierter Waschbrettbauch. Deshalb wird von Protein-Shakes bis zu Anabolika alles eingefahren, was Muskeln und Flachbauch verspricht. Brad Pitt lässt grüßen... Ist es ein Wunder, dass Schönheitsoperationen boomen? Mehr als siebzig Prozent (!) aller Amerikaner würden nicht zögern sich unter das Messer eines Schönheitschirurgen zu legen, wenn sie es sich denn leisten könnten. Einige Frauen kaufen sich neue Brüste wie andere Leute Unterwäsche...
Viele arabische Pferde, die heute Schauen gewinnen, sehen ebenfalls recht künstlich aus. Was daran liegen mag, dass es in der Tat kunstvoller Vorbereitungen bedarf, um einen der begehrten Pokale zu gewinnen. Viele Champions sind das Ergebnis von Manipulationen - der Hals ist in Form geschwitzt, der Körper durch zielgenaues Training modelliert, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und in einigen Fällen rührt die hohe Knieaktion nicht unbedingt von Vater oder Mutter her - sondern wurde durch entsprechendes Training erreicht. In den USA sind einige der arabischen "Models" schon beim Schummeln erwischt worden - sie waren beim Schönheitschirurgen, bekamen die Kruppe unterspritzt, den Hals operiert, die Ohren verkürzt, die Augenlider tätowiert. Sind Sie sicher, dass dies noch die sagenumwobenen Pferde der Beduinen sind? Die Pferde Napoleons, die Waterloo und den Russlandfeldzug überlebten? Ich wage, vorsichtige Zweifel anzumelden. Ist es möglich, dass einige Züchter ägyptischer Araber ein Pferd kreieren wollen, dass es in der Vergangenheit nie gegeben hat? Dass sie Gemälde von Adam und Vernet zum Vorbild nehmen, die Projektionen und Wunschdenken jener Künstler darstellen? Haben diese Pferde tatsächlich jemals existiert? Heute gibt es sie zweifelsohne. "Schönheit
trägt ihre Existenzberechtigung in sich". Dem
kann ich mich anschließen. Allerdings nur so lange die Schönheit
allen Anforderungen genügen kann, die das Leben an sie stellt.
Heute sind etliche Ägypter nicht mehr in der Lage als wirkliches
Reitpferd zu dienen. Sie haben weder das nötige Exterieur noch
ein gesundes, tragfähiges Fundament, das sie befähigen würde
ein langes Leben als Gebrauchspferd durchzustehen. Weiterhin scheinen
zwei Eigenschaften aus der Mode gekommen zu sein, die den Ägypter
einst auszeichneten: Langlebigkeit und Fruchtbarkeit. Vergleichen
Sie die Lebensdaten von Pferden russischer, polnischer oder gemischter
Linien mit denen von Ägyptern. Sie werden feststellen, Ägypter
von heute leben im Durchschnitt weniger lang. Und zeigen Sie mir eine
junge ingezüchtete, hochedle und grazile Ägypterstute, die
Jahr für Jahr ein Fohlen bekommt. Ich bin mir darüber im
klaren, dass aufgrund der Marktlage die meisten Stuten nicht mehr
regelmäßig gedeckt werden, doch ich kenne viele Züchter,
die Jahr für Jahr verzweifelt versuchen ihre Ägypterstute
dazu zu überreden endlich einmal aufzunehmen. Und wieder dürfen
Sie gerne mit anderen Linien vergleichen...
Die Mehrheit der deutschen Ägypterzüchter kann mit - sagen wir mal - geschliffenen Vorderbeinen gut leben. Bei einem geraden Kopf hört die Liebe jedoch auf. Pferde mit kleinen Teetassenmäulchen, großen Augen, konkavem Profil und kleinen Öhrchen, die aussehen wie Seepferdchen, werden vergöttert. Jedes noch so winzige Detail des Kopfes wird beachtet und kommentiert. Der zweite Blick wandert zum Hals - der muss genügend lang sein und sich schwungvoll biegen. Ein dritter Blick wandert zum Schweif - ist der hoch genug angesetzt? Das war's. Der Rest des Pferdes scheint nicht ganz so interessant... Die neueste Statistik des Araberzuchtverbandes spricht eine eindeutige Sprache: Von den meistbenutzten Ägypterhengsten der vergangenen Jahre hat - wen überrascht es noch - nur einer die Hengstleistungsprüfung abgelegt (Messaoud). Und das zu einer Zeit, als sie noch Pflichtprogramm war. Heute wird die HLP freiwillig abgelegt und folgerichtig fällt sie für die meisten Ägypterhengste aus. Natürlich gibt es Ausnahmen und erfreulicherweise sind in diesem Jahr wieder einige Ägypter zum Test in Marbach erschienen, doch die Wahrheit ist, dass sich die meisten Stutenbesitzer nicht darum scheren ob ein Hengst leistungsgeprüft ist oder nicht. Es geht offensichtlich um wichtigere Dinge: ein hübscher Kopf, die richtige Blutlinie, Schönheit, Schauerfolge und die Farbe (schwarz!) wiegen schwerer als ein Leistungsnachweis. Siege und Platzierungen auf Turnieren oder in Reitklassen werden meist vollkommen ignoriert.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin der erste, der sich schuldig bekennt. Ich begeistere mich natürlich auch für schöne Pferde. Und ich bin der Meinung, dass jede Züchterin und jeder Züchter das Pferd züchten soll, das ihr oder ihm am besten gefällt. Das muss jedem selbst überlassen bleiben. Aber ziehen sich nicht bereit breite Gräben durch die ägyptische Wüste? Die einen bevorzugen athletische, brauchbare Ägypter. Andere streben nach Schausiegen. Und wieder andere züchten ausschließlich nach Pedigree und Schönheit. Außer, dass alle reine Ägypter im Stall haben, scheinen sie kein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Selbstverständlich ist die erste Gruppe klein und unbedeutend und gerne werden diese "Nutzpferde" als die armen, hässlichen entfernten Verwandten der Ägypter-Familie angesehen. Doch meine Hoffnung ist, dass sich diese Gruppen eines Tages wieder vereinen und gemeinsam schöne und leistungsfähige Ägypter züchten werden.
Als Kind hatte ich Reitunterricht (mit mäßigem Erfolg) und später in meinem Leben hatte ich das Vergnügen Carl-Heinz Dömkens rein ägyptischen Muqatamm (Mahomed x Ghazalah) reiten zu dürfen, der, ganz nebenbei erwähnt, seine Hengstleistungsprüfung mit exzellentem Ergebnis abgeschlossen hatte. Es war ein Vergnügen auf ihm zu sitzen; er war leicht zu lenken, ich saß weich wie auf einem Sofa und er hatte die Intelligenz und die Sanftmut, die ich auch heute noch in einem arabischen Pferd suche. Zu seiner Zeit gab es viele ägyptische Araber wie ihn. Aber wo sind die Muqatamms von damals geblieben? Natürlich
habe ich in allen Punkten grenzenlos übertrieben,
um meine Position deutlich zu machen. Wie ist Ihre Meinung zum Thema?
Was kann getan werden? Lassen Sie uns im Forum
darüber diskutieren.
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