Photo by Rik van Lent Jr.

Von Oliver Wibihal


Sehen wir den Tatsachen ins Auge - rein ägyptische Araber werden von Generation zu Generation schöner, aber gleichzeitig auch immer unbrauchbarer. Zumindest in Deutschland. Vergleichen Sie einmal Fotos der Pferde, die einst von Ägypten nach Deutschland und in die USA gelangten mit den Pferden von heute. Die Unterschiede sind mehr als deutlich und selbst von "Nichtaraber-Menschen" zu erkennen. Vor kurzem zeigte ich einem Freund, einem Reiter von Warmblutpferden, einige Fotos von bekannten Ägyptern der Vergangenheit und Gegenwart. Ich war nur mäßig überrascht, dass er den Pferden der sechziger und siebziger Jahre gegenüber den exotischen Schönheiten von heute den Vorzug gab. Natürlich sehen letztere auf den ersten Blick faszinierender aus als ihre unauffälligeren Vorfahren - aber wie weit wollen wir noch gehen, wie viele Exterieurfehler sind Ägypterzüchter bereit hinzunehmen, um das ultimativ schönste Pferd hervorzubringen?


Photo: Johnny Johnston

In der Vergangenheit waren Ägypter in den USA
für ihre Leistungen unter dem Sattel bekannt:

Sakr

(Sultan x Enayat von Morafic)

In den sechziger und siebziger Jahren importierte Douglas B. Marshall, der Besitzer der früheren Gleannloch-Farm, einige der einflussreichsten Ägypter in die USA. Sie alle nahmen mit überwältigenden Erfolgen an Schauen teil - in Zuchtklassen aber vor allem auch in den verschiedensten Reitklassen. Der berühmteste von allen war wahrscheinlich der Hengst Morafic. Wie war Douglas B. Marshall auf die ägyptischen Araber aufmerksam geworden? Was faszinierte ihn? In seiner Jugend diente er in der Kavallerie und dort lernte er Pferde kennen, die schnell sein mussten, reitbar und arbeitswillig. "General von Szandtner, der die Weichen für das moderne Zuchtprogramm der EAO stellte, war ein Kavallerie-Offizier. Bei Pferden legte er auf die gleichen Dinge wert wie ich", berichtet Marshall. "Weil sie meinen Ansprüchen an Typ ohnehin genügten, sah ich immer zuerst auf ihre Beine", erinnert er sich an seine Besuche in El Zahraa. "Denn ein Pferd muss ein gutes Fundament besitzen, um ein wirklicher Athlet zu sein. Kriegspferde, Kavalleriepferde, Beduinenpferde waren alle auf gesunde Beine angewiesen, um zu überleben. Nach welchen anderen Kriterien könnte man wohl arabische Pferde bewerten?" Da fallen uns doch sicher einige andere ein. Wie wäre es mit einem hübschen Kopf...


Photo: Johnny Johnston

Ibn Moniet El Nefous

(Morafic x Moniet El Nefous von Shahloul)


Mittlerweile ist es Mode geworden sich ein künstlich erzeugtes Ideal zum Vorbild zu nehmen. Frauen in fast allen Ländern der Welt hungern sich buchstäblich zu Tode, um so schlank zu sein wie die so genannten "Supermodels", die sie von den Titelseiten der Magazine aus anlächeln. Die traurige Wahrheit ist, dass die meisten Models ihre stromlinienförmige Gestalt durch krankmachende Diäten erreichen und ihnen jeder Arzt Anorexie attestieren würde. Doch Millionen normalgewichtiger Mädchen und Frauen riskieren ihre Gesundheit, um einmal so ungesund schlank auszusehen wie eine von ihnen oder wie Fernsehstar Sarah Jessica Parker aus "Sex and the City". Neue Studien belegen, dass auch Männer vor dem Schönheitswahn nicht verschont bleiben. Bei ihnen heißt die Frage "Waschbrett oder Waschbär", denn das Ziel ist ein möglichst athletisches Aussehen und ein definierter Waschbrettbauch. Deshalb wird von Protein-Shakes bis zu Anabolika alles eingefahren, was Muskeln und Flachbauch verspricht. Brad Pitt lässt grüßen... Ist es ein Wunder, dass Schönheitsoperationen boomen? Mehr als siebzig Prozent (!) aller Amerikaner würden nicht zögern sich unter das Messer eines Schönheitschirurgen zu legen, wenn sie es sich denn leisten könnten. Einige Frauen kaufen sich neue Brüste wie andere Leute Unterwäsche...


Photo: Johnny Johnston

Er war der erste und einzige "U.S. National Champion"-Hengst

in der Schau- und in der Reitklasse
Asadd
(Sultan x Amani von El Sareei)


Viele arabische Pferde, die heute Schauen gewinnen, sehen ebenfalls recht künstlich aus. Was daran liegen mag, dass es in der Tat kunstvoller Vorbereitungen bedarf, um einen der begehrten Pokale zu gewinnen. Viele Champions sind das Ergebnis von Manipulationen - der Hals ist in Form geschwitzt, der Körper durch zielgenaues Training modelliert, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und in einigen Fällen rührt die hohe Knieaktion nicht unbedingt von Vater oder Mutter her - sondern wurde durch entsprechendes Training erreicht. In den USA sind einige der arabischen "Models" schon beim Schummeln erwischt worden - sie waren beim Schönheitschirurgen, bekamen die Kruppe unterspritzt, den Hals operiert, die Ohren verkürzt, die Augenlider tätowiert. Sind Sie sicher, dass dies noch die sagenumwobenen Pferde der Beduinen sind? Die Pferde Napoleons, die Waterloo und den Russlandfeldzug überlebten? Ich wage, vorsichtige Zweifel anzumelden. Ist es möglich, dass einige Züchter ägyptischer Araber ein Pferd kreieren wollen, dass es in der Vergangenheit nie gegeben hat? Dass sie Gemälde von Adam und Vernet zum Vorbild nehmen, die Projektionen und Wunschdenken jener Künstler darstellen? Haben diese Pferde tatsächlich jemals existiert? Heute gibt es sie zweifelsohne.

"Schönheit trägt ihre Existenzberechtigung in sich". Dem kann ich mich anschließen. Allerdings nur so lange die Schönheit allen Anforderungen genügen kann, die das Leben an sie stellt. Heute sind etliche Ägypter nicht mehr in der Lage als wirkliches Reitpferd zu dienen. Sie haben weder das nötige Exterieur noch ein gesundes, tragfähiges Fundament, das sie befähigen würde ein langes Leben als Gebrauchspferd durchzustehen. Weiterhin scheinen zwei Eigenschaften aus der Mode gekommen zu sein, die den Ägypter einst auszeichneten: Langlebigkeit und Fruchtbarkeit. Vergleichen Sie die Lebensdaten von Pferden russischer, polnischer oder gemischter Linien mit denen von Ägyptern. Sie werden feststellen, Ägypter von heute leben im Durchschnitt weniger lang. Und zeigen Sie mir eine junge ingezüchtete, hochedle und grazile Ägypterstute, die Jahr für Jahr ein Fohlen bekommt. Ich bin mir darüber im klaren, dass aufgrund der Marktlage die meisten Stuten nicht mehr regelmäßig gedeckt werden, doch ich kenne viele Züchter, die Jahr für Jahr verzweifelt versuchen ihre Ägypterstute dazu zu überreden endlich einmal aufzunehmen. Und wieder dürfen Sie gerne mit anderen Linien vergleichen...


Photo: de Vol

Er war der erfolgreichste Araber seiner Zeit unter dem Sattel:

Anchor Hill Halim
(Hadbah x Silima by Ansata Ibn Halima)

Aber die meisten Ägypterzüchter setzten ihn nicht ein...

Die Mehrheit der deutschen Ägypterzüchter kann mit - sagen wir mal - geschliffenen Vorderbeinen gut leben. Bei einem geraden Kopf hört die Liebe jedoch auf. Pferde mit kleinen Teetassenmäulchen, großen Augen, konkavem Profil und kleinen Öhrchen, die aussehen wie Seepferdchen, werden vergöttert. Jedes noch so winzige Detail des Kopfes wird beachtet und kommentiert. Der zweite Blick wandert zum Hals - der muss genügend lang sein und sich schwungvoll biegen. Ein dritter Blick wandert zum Schweif - ist der hoch genug angesetzt? Das war's. Der Rest des Pferdes scheint nicht ganz so interessant...

Die neueste Statistik des Araberzuchtverbandes spricht eine eindeutige Sprache: Von den meistbenutzten Ägypterhengsten der vergangenen Jahre hat - wen überrascht es noch - nur einer die Hengstleistungsprüfung abgelegt (Messaoud). Und das zu einer Zeit, als sie noch Pflichtprogramm war. Heute wird die HLP freiwillig abgelegt und folgerichtig fällt sie für die meisten Ägypterhengste aus. Natürlich gibt es Ausnahmen und erfreulicherweise sind in diesem Jahr wieder einige Ägypter zum Test in Marbach erschienen, doch die Wahrheit ist, dass sich die meisten Stutenbesitzer nicht darum scheren ob ein Hengst leistungsgeprüft ist oder nicht. Es geht offensichtlich um wichtigere Dinge: ein hübscher Kopf, die richtige Blutlinie, Schönheit, Schauerfolge und die Farbe (schwarz!) wiegen schwerer als ein Leistungsnachweis. Siege und Platzierungen auf Turnieren oder in Reitklassen werden meist vollkommen ignoriert.


Photo: Nicole Sachs

Schön und "kinderleicht" zu reiten -
so, wie es sich gehört:

El Thay Mameluck
(Ibn Nazeema x El Thay Mansoura von Machmut)


Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin der erste, der sich schuldig bekennt. Ich begeistere mich natürlich auch für schöne Pferde. Und ich bin der Meinung, dass jede Züchterin und jeder Züchter das Pferd züchten soll, das ihr oder ihm am besten gefällt. Das muss jedem selbst überlassen bleiben. Aber ziehen sich nicht bereit breite Gräben durch die ägyptische Wüste? Die einen bevorzugen athletische, brauchbare Ägypter. Andere streben nach Schausiegen. Und wieder andere züchten ausschließlich nach Pedigree und Schönheit. Außer, dass alle reine Ägypter im Stall haben, scheinen sie kein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Selbstverständlich ist die erste Gruppe klein und unbedeutend und gerne werden diese "Nutzpferde" als die armen, hässlichen entfernten Verwandten der Ägypter-Familie angesehen. Doch meine Hoffnung ist, dass sich diese Gruppen eines Tages wieder vereinen und gemeinsam schöne und leistungsfähige Ägypter züchten werden.


Photo: Werner Ernst

Hier und im Titel:
Muqatamm

(Mahomed x Ghazalah von Ghazal)

Als Kind hatte ich Reitunterricht (mit mäßigem Erfolg) und später in meinem Leben hatte ich das Vergnügen Carl-Heinz Dömkens rein ägyptischen Muqatamm (Mahomed x Ghazalah) reiten zu dürfen, der, ganz nebenbei erwähnt, seine Hengstleistungsprüfung mit exzellentem Ergebnis abgeschlossen hatte. Es war ein Vergnügen auf ihm zu sitzen; er war leicht zu lenken, ich saß weich wie auf einem Sofa und er hatte die Intelligenz und die Sanftmut, die ich auch heute noch in einem arabischen Pferd suche. Zu seiner Zeit gab es viele ägyptische Araber wie ihn. Aber wo sind die Muqatamms von damals geblieben?

Natürlich habe ich in allen Punkten grenzenlos übertrieben, um meine Position deutlich zu machen. Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Was kann getan werden? Lassen Sie uns im Forum darüber diskutieren.

 



This feature was brought to you in September 2003 by
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