Über das Dilemma der Beurteilung von arabischen Hengsten
und ihr Einfluss auf die Araberzucht von heute

Von Monika Savier

Ein Gespräch mit dem Präsidenten der World Arabian Horse Organisation (WAHO) und renommierten Züchter arabischer Pferde, Dr. Hans Nagel über die Selektion von Zuchthengsten, Methoden, Flops und Erfolgsstrategien.

Savier: Wer sollte entscheiden und nach welchen Kriterien sollte ein arabisches Pferd beurteilt werden, ob es für die Zucht geeignet ist oder nicht?

Nagel: Das arabische Pferd hat eine große Stärke und ein breites Spektrum. Obwohl es einige wenige sehr markante artentypische Merkmale aufweisen kann, ist es doch alles in allem sehr vielfältig einzusetzen und dementsprechend sind auch die Beurteilungskriterien unterschiedlich. Wir müssen daher zunächst festlegen, in welche Richtung wir züchten wollen, um entscheiden zu können, ob der Hengst oder die Stute für diesen Zweck geeignet sind. Letzten Endes ist dieses eine individuelle Entscheidung, es ist die Wahl eines jeden einzelnen Züchters, welche Spezialisierung er für seine eigenen Pferde für zweckmäßig hält, um sie auf diesem Gebiet auf ein höheres Niveau zu bringen.


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Savier: Ist das heutige arabische Pferd ein Produkt von Selektion durch Menschenhand oder durch Anpassung an die Natur und der damit verbundenen evolutionären Veränderung?

Nagel: Im Laufe der Geschichte hat sich die Rolle des arabischen Pferdes deutlich geändert: Vom Kriegs- und Reitpferd der nomadischen Völker im Vorderen Orient bis zum heutigen Schaupferd, Freizeitpferd und auch Leistungspferd, wenn Härte und Ausdauer gefragt sind. Entsprechend groß musste daher auch die Vielzahl der Bewertungsmuster und Selektionskriterien sein, die im Laufe der Zeit entwickelt wurden und nach denen man Pferde ausgewählt hat. Wer weiß schon oder hat jemals geprüft, was solche Methoden bewirkt haben? Vielleicht hatten die Beduinen Recht, die in ihrer Naturverbundenheit sagten, um einen Hengst auszuwählen, müssen mir seine Augen gefallen. Andere ließen einen Hengst nur dann decken, wenn ihn die Stute problemlos akzeptierte, wieder andere reduzieren das arabische Pferd auf einen Typ im Bereich von Kopf und Hals oder vielleicht noch Oberlinie, Kriterien, die die Schauwelt begeistern; nicht zu vergessen diejenigen, die fast besessen an der Beurteilung des Fundamentes eines Arabers hängen bleiben, da sie darin eine besondere Eignung für den Sport erkennen wollen. Alle diese Selektionsansätze und Meinungen sollte man einmal nebeneinander stellen und auf ihre Ergebnisse hin überprüfen. Es ist ziemlich sicher, dass dann die Überraschung groß wäre, wenn in Bezug auf Zielsetzung, Selektion und Ergebnis nur Mäßiges erreicht wurde. Der Zufallseffekt streckt weit den Kopf heraus.

Es ist bekannt, dass arabische Pferde aus allen Gegenden der arabischen Welt nach Europa gebracht wurden. Die Schönsten, die mit dem eindrucksvollen „Hechtkopf“, stammten sicherlich aus der Beduinenzucht von der arabischen Halbinsel. Dort fand eine unerbittliche Selektion statt, ein Überlebenskamp um Futter und Wasser, die zu bestimmten Jahreszeiten äußerst knapp verfügbar waren.

Es gibt eine Theorie, die sagt, dass das konkave Profil dieser Pferde eine Folge dieser ständigen mangelhaften Ernährung, besonders während der Wachstumsphase, gewesen sein könnte, und durch die ständige Wiederholung über die Jahrhunderte schließlich in einigen Exemplaren erblich geworden sei. Dass sich solche ähnlichen Kopfmerkmale, die im embryonalen oder früheren Alter auch in anderen Tierrassen vorhanden sind, womöglich erhalten haben,  ist immer wieder geschrieben worden.

Dass die Pferde aus dem arabischen Norden darüber hinaus größer und stärker waren, ist ebenfalls bekannt. Viele dieser nach Europa gebrachten Tiere, wurden von Staatsgestüten ebenfalls unterschiedlich weitergezüchtet, die einen zur Verbesserung ihrer einheimischen Exemplare, die anderen als auserlesene Exemplare orientalischen Adels. Damit meine ich, die Gestüte El Zahraa in Kairo, Marbach/Weil in Deutschland, Janov Podlavski in Polen, Tersk in Russland oder aber die vielen privaten Importeure, die im Laufe der letzten 150 Jahre durch ihre eigene Selektion bestimmte Weichen in der Araberzucht gestellt haben. Und auch die Davenports in den USA oder das Crabbet Gestüt der Blunts in Großbritannien präsentierten früher oder später ihr eigenes Gesicht.

Savier: Wer stellt heute die Weichen in der Arabergeschichte. Wer entscheidet, welche Tiere die Zucht beeinflussen dürfen und in welche Richtung geht die Selektion? Beauty, Leistung, Charakter? Geht das alles zusammen?

Nagel: Eine offiziell-formale Selektion von arabischen Pferden, in Deutschland „Körung“ genannt, gab es nur in dem ordnungsbewußten Europa, in dem staatliche Eingriffe auf alle möglichen Entscheidungen allzu häufig sind. In den USA waren solche Eingriffe von oben meistens kein Thema.

Savier: Die WAHO hatte doch dazu eine klare Position bezogen?

Nagel: Ja, das ist richtig. Es gibt eine einzige Richtlinie, die schlicht und überzeugend besagt, dass jedes arabische Vollblutpferd, deren Eltern in einem von der WAHO anerkannten Stutbuch eingetragen sind, zur Weiterzucht zugelassen ist. Dass es hier und da in einigen Ländern trotzdem noch staatliche Einflussnahmen gibt, ist bedauerlich, aber eher eine Seltenheit und vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis ihre Unsinnigkeit erkannt ist.

Savier: Zum besseren Verständnis sollte man hinzufügen, dass sich diese WAHO-Regel auf Hengste und Stuten bezieht, die in der Vollblutzucht eingesetzt werden. Falls ein Araber auch als Veredler anderer Rassen verwendet wurde, unterliegt er selbstverständlich den Selektionsvorschriften dieser anderen Rasse. Er soll ja auch dazu passend sein.

Nagel: Ich sollte noch hinzufügen, dass es in einigen Ländern Vorschriften gibt, die einige wenige körperliche Mängel als Hinderungsgrund für den Zuchteinsatz betrachten, wie z.B. Unregelmäßigkeiten im Gebiss oder Hengste mit einem Hoden. Inwieweit diese Mängel erblich sind, bleibt umstritten. Einen sicheren Nachweis gibt es nicht, trotz umfangreicher Untersuchungen. Es ist nie deutlich bewiesen worden,  nach welchen Regeln sich solche unerwünschten Mängel vererben oder der Grad der Häufigkeit in der Nachkommenschaft.

Nach alledem kann man natürlich provokativ fragen, warum wurden Hengstkörungen in der Vergangenheit durchgeführt? Wie bereits erwähnt, liegen den Hengstkörungen stattliche Verordnungen zugrunde und diese reichen bis zu 100 Jahre in die Vergangenheit zurück. Die simple Erklärung für den Zweck der Körung besteht darin, dass ein Vatertier erheblich mehr Nachkommen in die Welt setzen kann als ein Muttertier und deshalb auf die Zuchtentwicklung einen erheblich größeren Einfluss hat.

Als vor 100 Jahren Hengstkörungen eingeführt wurden, war das Wissen um Vererbung relativ dünn und es kam hinzu, dass die Pferdezucht und das systematische Züchten im Allgemeinen auf einem relativ niedrigen Niveau standen. Eine Auswahl weniger guter Vatertiere muss also schon hilfreich gewesen sein, um die Nachkommen wie gewollt zu prägen. Doch später, von dem Zeitpunkt an, an dem die Zucht einen relativ höheren Standard erreicht hat und Fortschritte bei den folgenden Generationen nur in kleinen Schritten deutlich wurden, musste auf andere Methoden zurückgegriffen werden, und zwar mit fest bestimmten Rücksichten  auf die Erblichkeit im Bezug auf Größe, Schnelligkeit, Typ usw. Solche modernen Überlegungen setzen eines voraus, eine klare Definition des Zuchtziels. Nur daran kann sich eine Selektion orientieren, denn das Zuchtziel gibt die Selektionsmethode vor.


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Savier: Mit anderen Worten, man muss nicht sagen „Neue Richter braucht das Land“ sondern Züchter arabischer Pferde müssen sich im Klaren darüber sein, was sie eigentlich wollen. Ein Richterteam, das alle Pferde über einen Kamm schert, ist sicherlich demnach nicht mehr zeitgemäß.

Nagel: Es wird noch komplizierter, wenn man berücksichtigt, dass nach heutiger Kenntnis der Einfluss des Muttertieres durchschnittlich gesehen etwas größer ist als der des Vatertieres, und demnach auch die Stute die Qualitäten des Fohlens entscheidend beeinflusst, nicht zuletzt deshalb, weil während der embryonalen Phase und durch die mütterliche Erziehung ein Einfluss auf das Fohlen sehr direkt zustande kommt. Das muss zu dem Vererbungseffekt aufgrund der genetischen Gegebenheiten noch hinzugerechnet werden.

Savier: Ziehen wir die Summe aus dem Wissen der geschichtlichen Erfahrungen und der genetischen Erkenntnisse, dann muss man doch zu anderen Entscheidungen kommen, als Hengste zu selektionieren?

Nagel: Ich bin mir da ganz sicher, eine Hengstkörung ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb hat sich auch die WAHO gegen eine solche Methode entschieden. Im Zuchtgeschehen ist die berühmte Aussage, dass die einfachen Dinge auch die besten sind, sicherlich nicht zutreffend. Heute muss man in zwei Phasen denken: Die erste ist eine generelle Auswahl nach äußeren Merkmalen (Phenotype), die genügend Spielraum lässt, und zweitens eine weitere sehr konkrete Auswahl durch die Beurteilung der Nachkommen (Genotype). Dieses Konzept kannte man vor 100 Jahren noch nicht. Heute wird es allgemein in der Tierzucht angewandt. Das Ergebnis der Anpaarung wird bewertet und daraus werden Schlüsse für die Weiterzucht gezogen. Das ist natürlich effizienter bei Tieren, die sich schnell vermehren und mehrmals im Jahr eine Nachzucht produzieren, wie bei Geflügel zum Beispiel. Auch in der Schweinezucht gibt es spezielle Hybridgesellschaften, die auf der Basis der Verbindung bestimmter Vaterlinien und dazu passender Mutterlinien entstanden sind, um ihr Zuchtziel zu erreichen. In der Rinderzucht kann man sich Bullen aussuchen aufgrund ihrer nachgewiesenen Vererbungskraft, zum Beispiel in der Milch- oder Fleischleistung. Auch im Pferdesport ist man längst weiter. Man errechnet anhand der Erfolge der Nachzucht eines Rennpferdes oder Springpferdes den Zuchtwert des Vatertieres. Dabei geht es, wie auch immer, um ein klar definiertes Zuchtziel, auf das man hinarbeitet.

Savier: Und damit kommt man der natürlichen Selektion am nächsten, auch wenn die heute kaum mehr eine Rolle spielt, aufgrund der einschneidenden Veränderung der Natur. Doch der Instinkt bleibt dem Pferd erhalten, er regelt sein Verhalten. Es ist von Natur aus ein gutmütiger Graßfresser und wenn es in Bedrängnis kommt, reagiert es als Fluchttier, statt anzugreifen und sich zu verteidigen. Die Schnellsten überlebten und „den letzten beißen die Hunde“. Der Zielpfosten auf der Rennbahn simuliert diese Selektion, denn wer ins Geld läuft, rettet sich selbst vor der Kastration und darf sich weiter vererben, darüber hinaus ehrt und vergoldet er auch seine Abstammung.

Nagel: Wir sind noch nicht am Ende, denn es gibt noch weitere Aspekte, die man in Betracht ziehen muss: Der Araber ist von Natur aus durch seine weite Verbreitung im Großraum des Mittleren Ostens von sehr unterschiedlichem Typ. Es gibt den größeren nordarabischen Rassetyp, der bereits vom Steppengras Mesopotamiens in Syrien und im Irak profitieren konnte, und es gibt den südlichen Typen aus dem Nejd, den heißen Hochebenen Zentralarabiens, ein edler, eher kleine Arber, der sich seinen harten Lebensbedingungen auch körperlich anpassen musste. Es gibt schließlich den Araber aus den Bergregionen des Irans, der sich wiederum von seiner Umwelt her zu einem noch anderen Typ entwickelt hat. Es gibt von daher kein einheitliches Zuchtbild, der Araber ist nicht Teil einer einheitlichen Population, und auch sein Einsatz ist von großer Vielfalt; er ist Schaupferd, Reitpferd, Endurancepferd, Hobbypferd und Sammlerobjekt für Liebhaber der schönsten Pferderasse der Welt.


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Savier: .... nicht zuletzt das Kuscheltier junger Mädchen und als  Rennpferd junger Männer....

Nagel: Und er ist ein Pferd, das viele Menschen schlicht und einfach gerne um sich haben und das auf einen solchen Umgang besonders positiv reagiert.

Nun müssen wir nicht weiter darüber nachdenken, ob es ein einheitliches Zuchtziel geben kann oder viele. Es kann nur viele Zuchtziele geben, wenn man die Vielfalt der Rasse nicht zerstören will und verhindern will, ein großes genetisches Erbe auszulöschen. Es müssen viele unterschiedlich Zuchtziele definiert und die dafür entsprechenden Methoden eingesetzt werden, eine vielseitige Tätigkeit, die von oben herab nicht geregelt und angeordnet werden kann. Man kann natürlich in Teilbereichen eine Einigung erzielen und dann an einem gemeinsamen Zuchtziel arbeiten. Ich erwähne in diesem Zusammenhang den Distanzsport. Einige französische Züchter sind seit Jahren sehr erfolgreich auf diesem Sektor. Sie haben konsequent auf ein Ziel hin ihre Pferde selektiert; heute sind die Nachkommen solcher arabischen Distanzpferde kein Zufallsprodukt mehr. Sie sind es, die die erwünschten Trophäen im Endurance Sport nach Hause bringen. Man kennt die sicheren Vererber, Hengste und Stuten.

Savier: ...aber dafür braucht man nicht den Staat, oder...?

Nagel: So ist es. Die Franzosen haben ihre persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse angewandt und sind so zu verblüffenden Ergebnissen gekommen. Das waren rein private Initiativen, die vielleicht vom Staat unterstützt aber nicht geregelt wurden.

Savier: Dann könnte man vielleicht behaupten, die arabische Pferdezucht in Europa braucht das Prinzip der Subsidiarität, also weniger staatliche Aufsicht und Lenkung, stattdessen mehr Eigeninitiativen von unten, also von den Züchtern.

Nagel: Ja, das wäre der richtige Ansatz. Das setzt natürlich Erfahrung und eine gute Kenntnis der Eignung eines Pferdes für die Zucht voraus. Denkt man z.B. an das Schauwesen, müsste es dort ein sehr spezifisches Zuchtziel geben. Man hat ja bereits einen bestimmten Standard vor Augen und eine Beurteilungsmethode für Schaupferde entwickelt, die allerdings nicht mehr identisch ist mit den Bewertungskriterien traditioneller Hengsteintragungen, obwohl sich das Schaubewertungssystem mit Punktevergabe an frühere Methoden anlehnt. Der Deutsche Araberverband verfügt seit den Zeiten der Körung und später den Hengsteintragungen über hervorragendes statistisches Material im Bezug auf die Vergabe der goldenen Schleifen, die an die Siegerhengste verteilt wurden. Erstaunlicherweise sind nur wenige dieser Eliten in der allgemeinen Araberzucht eingesetzt worden, ganz zu schweigen davon, dass sie selbst wiederum gute männliche Nachkommen hervorgebracht hätten. Meistens sind überhaupt keine prämiierten Hengstnachkommen vorhanden, es gab ein paar Nachkommen und nach einem Deckeinsatz von ein oder zwei Jahren sind sie wieder in der Versenkung verschwunden.

Die wenigen, die sich über einen längeren Zeitraum erfolgreich als Deckhengst durchgesetzt haben, waren meist nach Deutschland importiert worden und vermutlich wurden ihre Vorfahren im Ausland nach anderen Gesichtspunkten selektioniert, als in einer nur „aufs Vatertier ausgerichteten“ Körung.

Savier: Diese Beispiele gibt es auch in Italien, solange dort noch der lange Arm des Landwirtschaftsministeriums arabische Hengste begutachtete und schnell mal den einen oder anderen Schausieger aus dem Rennen warf, oftmals weil der Besitzer nicht demütig genug auftrat, war eine private Zuchtstrategie nicht möglich, sie war der Willkür der Körkommission geschuldet, denn damals durfte ein ungekörter Araberhengst gar nicht eingesetzt werden – selbst wenn er Paris gewonnen hätte. Das Theater hat der italienische Araberverband ANICA zum Glück beenden können.

Nagel: Es gibt ein weiteres wichtiges Bewertungskriterium für ein arabisches Pferd, und das sind seine charakterlichen Eigenschaften. Dieses dem arabischen Pferd aus seiner Vergangenheit mitgegebene Verhalten wird leider völlig unter den Teppich gekehrt. Sehr viele Besitzer eines arabischen Pferdes sprechen immer wieder von dieser erfrischenden Tatsache, wie eng sie mit ihrem Pferd verbunden sind und welches angenehme Wesen sich da offenbart, aber darauf wurde bei der Selektion auf offiziellen Veranstaltungen in keiner Weise geachtet. Grobes Fehlverhalten von Pferden wird geahndet, aber die Frage, warum sich Pferde so verhalten, bleibt offen. Ist ein arabisches Pferd überhaupt dem Theater einer großen Schau gewachsen? Hat es eine Veranlagung zur Konzentration auf seinen Reiter? Ist jeder Araber gelassen genug, um als sicheres Freizeitpferd zu gelten oder ist das individuell verschieden? Wer achtet schon auf diese Unterschiede und selektiert dementsprechend?

Savier: Ganz anders wiederum müssen Araber als Rennpferde sein. Sie brauchen Siegeswillen, sie sollten vom Charakter her eher einem zähen Leittier ähneln, das sich durchbeißt, nach dem Prinzip „lieber tot als zweiter“, als einem freundlichen Mitläufer, der mit den anderen Pferden keinen Ärger haben möchte und sie deshalb lieber nicht überholt....

Nagel: Ich möchte etwas provokativ sagen, man sollte für ein gutes Reitpferd besser zunächst seinen Charakter und dann Fehlstellungen der Beine berücksichtigen. Beides, weder das eine noch das andere allein, lässt unmittelbare Schlüsse auf die Leistungsfähigkeit von Pferden zu, aber sie haben sicherlich einen gleichen Rang.

Gibt es nicht berühmte Dressurpferde oder auch Pferde mit großem Erfolg auf Rennbahnen, deren Fundament zu wünschen übrig lässt? Und wie viele Reiter, die über ihre Leistungspferde sprechen, haben dabei vielmehr ihren Willen, ihre Leistungsbereitschaft vor Augen und nicht ihr Fundament. Auch für die meisten arabischen Pferde, die zum Freizeitreiten benutzt werden, scheint mir ihr Charakter und ihr Verhalten Menschen gegenüber wichtiger zu sein, als eine korrekte Beinstellung – es sei denn, sie ist deutlich hinderlich in der Ausführung ihrer Aufgaben.


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Savier: Richtern fällt es natürlich leichter, die Beinstellung zu bewerten, als den Charakter, und die Besitzer der Pferde spielen da mit, denn sie sind ja selbst oft mit daran beteiligt, den natürlichen Charakter der Pferde zu demontieren, um sie „schaufähig“ zu machen. Doch in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie das Bewertungssystem der Richter bei der Hengsteintragung sein sollte?

Nagel: Ich denke, bei Schaupferden hat man die Punktevergabe mit höheren oder niedrigeren Noten akzeptiert. Der Betrachter weiß meist selbst, wo das Pferd big points hat und wo es mangelt. Ich gehöre zu denen, die der Meinung sind, dass es für das Publikum ausreicht, den Bewertungsprozess durch Notenvergabe mitzuverfolgen. Sollte ein Züchter mehr über die Einschätzung der Richter wissen wollen, dann sollte man es ihm privat mitteilen oder ihm den Bewertungsbogen aushändigen, der nur für ihn bestimmt ist. Alles andere tut meiner Meinung nach weh, denn wer möchte schon in der Öffentlichkeit ein schlechtes Urteil über das eigene Pferd hören, welches er tagtäglich betreut und das ihm sicherlich viel bedeutet.

Savier: Was raten wir den Linien-Züchtern, nach welchen Kriterien sie selektionieren sollten, abgesehen vom Pedigree ihrer eigenen Wahl?

Nagel: Damit kommen wir zurück zur Selektion und Weiterzucht. Es sind zwei Kriterien zu berücksichtigen:

Zum ersten geht es um die Beurteilung des Tieres als solches, wobei gröbere äußere Mängel und gesundheitliche Aspekte im Vordergrund stehen. Sie sollte bei arabischen Pferden im Alter von 3, besser 4 Jahren vorgenommen werden und sie gilt natürlich für Hengste und Stuten.

Zum zweiten ist eine Bewertung der Nachkommen eines jeden Pferdes, das in der Zucht eingesetzt worden ist, sinnvoll. Das kann aber höchstens im Alter von 6 – 7 Jahren erfolgen und es müssen mindestens 3 Nachkommen geboren sein. Diese Voraussetzung ist bei den Vatertieren einfacher, aber da auch das Muttertier einbezogen werden sollte, ist eine solche Zeitspanne notwendig.

Wer einen Hengst einsetzt ohne seine Nachkommen gesehen zu haben, geht ein Risiko ein. Seine Vererbungsqualitäten sind ungewiss, auch wenn er noch so gute äußere Merkmale aufweist. Selbstverständlich können Hengste, die äußerlich fehlerhafte Veranlagungen haben, durch einen solchen „Nachkommenschaftstest“ unter Beweis stellen, dass sich diese Fehler nicht wiederholen oder aber es wird deutlich, dass solche Fehler erblich sind und der Hengst deshalb nicht weiter einsetzt werden sollte.

Alle anderen Methoden, die beurteilen und bewerten oder Pferde mit Lorbeeren auszeichnen oder ohne Lob nach Hause schicken, können nicht den gewollten Zweck erfüllen, für den die Selektion gedacht ist. Sie kosten Zeit und Geld, aber sichtbare Erfolge bringen sie nicht.

Eine Zuchtschau muss sich auf das jeweilige Zuchtziel beziehen und nur diejenigen Pferde einbeziehen, die die entsprechenden Voraussetzungen als geprüfte Vater- oder Muttertiere vorweisen können. Ist das nicht möglich, dann sollten solche Veranstaltungen auch nicht durchgeführt werden.

Wir beobachten heute, dass einige Gestüte besonders einflussreich geworden sind, viele andere sind wieder verschwunden. Leider gilt das für frühere bekannte Staatsgestüte als auch für private Züchter, und zwar weltweit. Die großen Züchter von heute könnten zum Beispiel ihr Konzept und ihre Erfolge öffentlich vorstellen. Daran kann man lernen und damit könnte sich auch eine generelle Verbesserung des Zuchtniveaus erreichen lassen, wobei die Vielfalt der Rasse nicht verloren gehen würde. Heute noch bei der Selektion arabische Pferde mit herablassenden, schulmeisterhaften Methoden eine Auswahl zu treffen, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Interessenlage der Züchter ist zu unterschiedlich und zeitgemäße Methoden sollten sich auf wissenschaftliche Analysen auf der Basis guter statistischer Erhebungen beziehen. Ohne die Berücksichtigung dieser Ergebnisse wird eine moderne Zucht keinen festen Boden unter den Füssen haben, um erfolgreich voranzukommen und Ergebnisse kalkulierbar zu machen, statt sie dem Zufall zu überlassen.

Das Interview mit Dr. Hans Nagel führte Monika Savier, Tre Balzane Stud Italy.

Übersetzung ins Englische von: Bettina Borst
Title image of Dr. Nagel by Nicole Sachs
Licensing show images by Erwin & Annette Escher

 

 

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