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Die historische Entwicklung des Arabers in Europa, aufgezeichnet von der bekannten Araberkennerin und Buchautorin Erika Schiele.

 

Beduine

Foto: Grasso

Als Gott das Pferd erschaffen wollte, sprach er zum Südwind: "Verdichte dich. Ich will aus dir ein neues Wesen schaffen, zur Ehre meiner Heiligen, zur Erniedrigung meiner Feinde, aus Huld für die, so mir gehorsam!"
Der Südwind sprach: "Erschaffe es, o Herr!"
Da nahm Gott eine Handvoll vom Südwind, hauchte darüber und schuf das Pferd. Er sprach: "Dein Name sei arabisch, das Gute sei gebunden an deine Stirnhaare, die Beute an deinen Rücken. Ich habe dich begünstigt vor allen Lasttieren, ich habe deinen Besitzer zu deinem Freund gemacht; ich habe dir die Kraft zum Fliegen verliehen ohne Flügel!"
So entstand - nach dem Glauben der Beduinen - das arabische Pferd.
Doch woher stammt es wirklich?
Die Entstehungsgeschichte des Araber liegt im Dunkeln. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt es als eindeutig erwiesen, daß in Arabien zu keiner Zeit ein Wildpferd existierte. Zwar wurde das Pferd in die Länder des fruchtbaren Halbmondes bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. eingeführt, auf die Arabische Halbinsel gelangte es jedoch frühestens im 2. Jahrhundert nach Chr., wie aus Inschriften eindeutig hervorgeht.
Ob die Pferdezucht in vorislamischer Zeit hoch entwickelt war, wird vielfach bestritten. Ihre Blütezeit und den ungeheuren Aufschwung verdankte sie jedenfalls dem Propheten Mohammed, der 625 n. Chr. in der Schlacht am Berge Ohod nur zwei Pferde besaß und seine Niederlage gegen eine überlegene Reiterei nicht vergaß.
Von da an bestimmte er die Zucht edler, asiler Pferde als religiöse Pflicht. "Nur das asile Pferd vermag dich zum Sieg zu tragen!", hämmerte er seinen Anhängern ein.
Als der Prophet am 8. Juni 632 die Augen für immer schloß, befahl er seinen Getreuen die neue Lehre mit Feuer und Schwert in alle Welt zu tragen, und er hinterließ ihnen das arabische Pferd als wichtigsten Helfer im heiligen Krieg: "Wahren Reichtum bildet eine edle und mutige Pferderasse."
So trat das arabische Pferd in die Weltgeschichte ein. Mohammeds Anhänger drangen auf ihren schnellen Pferden weit nach Westen, Norden und Osten vor.
Die siebenhundertjährige Herrschaft der Sarazenen in Andalusien bedeutete die erste entscheidende Veredlung europäischer Pferde mit orientalischem Blut. Zwar ritten die Sarazenen zum großen Teil nordafrikanische Berber, aber "es waren einige Pferde aus Damaskus darunter, die goldene Hufeisen trugen, Pferde mit einem blauen Schimmer wie wertvolle Steine", vermeldet der Chronist.
Während der Kreuzzüge erfuhren die Pferde Europas den nächsten orientalischen Impuls. Allerdings nur vereinzelt und ohne große Wirkung.

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Neben Waffen, Gold und Silber gehörte das arabische Pferd zu den beliebtesten Beutestücken aus dem Morgenland. In Europa spielte es die Rolle des Prunk- und Paradepferdes für Prinzen und Könige.
Die nächsten orientalischen und arabischen Pferde erreichten Europa Anfang des 16. Jahrhunderts während der Türkenkriege. Die orientalischen Hengste der Paschas und Beis - sie ritten nur Hengste und niemals Stuten - verliehen den einheimischen Landstuten einen Adel, wie sie ihn vorher nicht kannten.
Türkenkriege, Tatareneinfälle, Dreißigjähriger und Siebenjähriger Krieg trafen Europas Pferdezucht hart, doch die Napoleonischen Kriege zerstörten sie fast vollends. In einem Brief an General Daumas schrieb der persönliche Adjutant Napoleons, Graf Lantivy: "Das arabische Pferd ertrug die Anstrengungen und Entbehrungen besser als das europäische Pferd. Dem Kaiser blieben nach dem grausamen Feldzug in Rußland fast nur noch seine arabischen Pferde übrig. Der Schwadronschef und spätere Divisionsgeneral Hubert vermochte von seinen fünf eigenen Pferden nur ein einziges nach Frankreich zurückzubringen: es war ein Araber. Der Generalstabsoffizier Hauptmann Simonneau hatte am Schluß nur noch seinen Araber - und mir selbst erging es ebenso."
Um die Lücken in ihren Pferdebeständen zu füllen, sandten Regierungen und Fürsten im 19. Jahrhundert Ankaufskommissionen in den nahen Osten, um von den Beduinen und in den arabischen Städten Pferde für die Gestüte Europas zu beschaffen.
Immer wieder taucht die Frage nach der Reinblütigkeit der nach Europa eingeführten Araber auf. Entscheidend ist die Beantwortung der Frage: Wer kaufte wo und wann?


Wer: Die Einkäufer, in der Mehrzahl Offiziere, Stallmeister oder Regierungsbeamte, erschienen mit fest umrissenen, von europäischen Vorstellungen geprägten Aufträgen, die sie in einer befristeten Zeit erledigen mußten.
Kaum einer sprach arabisch; sie blieben dem guten (oder weniger guten) Willen von Dolmetschern ausgeliefert. Sie wählten unter dem, was sie fanden oder was man ihnen zeigte und was ihren Idealvorstellungen entsprach oder zumindest am nächsten kam. Gewiß hörten sie in den schwarzen Zelten von "asilen" (edlen) Arabern, die seit eh und je reinblütig gezogen seien; aber konnte ein Europäer, der im 19. Jahrhundert nur wenige Monate im Orient weilte, wirklich begreifen und ermessen, was das bedeutete?
Als Analphabeten führten die Beduinen naturgemäß keine Stutbücher. Sie teilten ihre Zuchten in unzählige Familien und Unterfamilien ein, die von Stamm zu Stamm variierten.
Bis heute vermag niemand genau zu sagen, wie und wann sie entstanden sind. Nach wie vor sind wir auf Legenden angewiesen.Die bekannteste handelt von den "Al Khamsa", den fünf Stuten des Propheten, auf denen angeblich die edelsten Familien aufgebaut wurden: die Kuhaylan, die Saqlawi, die Hamdan, die Hadban und die Abbeyan.
Graf Wrangel nannte sie eine "für Europäer fabrizierte Kaffeehaus-Legende", die nach Lady Blunt "von den Beduinen des Nedschd als Unsinn bezeichnet wird". Sie wird in den verschiedensten Variationen erzählt; wir wollen eine davon wiedergeben:
"Nach einem anstrengenden Raubzug wurden 100 Stuten zum Wasser geführt, um ihren Durst zu löschen. Da ließ der Prophet die Trompeten blasen: 95 Stuten tranken weiter, aber fünf galoppierten zu ihm hin. Sie wurden seine Lieblingsstuten."

Wo: Es steht fest, daß nur die kriegerischen Nomaden reinrassige Araber züchteten, nicht aber Städter und Oasenbewohner. Wer bei Händlern in Beirut, Aleppo, Damaskus, Konstantinopel oder gar Odessa und Paris einkaufte, hatte wenig Garantien in der Hand - trotz der prachtvollen, verschnörkelten Abstammungsurkunden, die man dem Christen ganz nach Wunsch ausstellte und die außer dem Namen des Pferdes oft nur schmückende Phrasen enthielten. Oder es war nur ein Talisman gegen den "bösen Blick".
Dennoch bestand die Möglichkeit, auch von Händlern oder auf den Pferdemärkten in Aleppo und Damskus reinrassige Hengste zu kaufen, denn die Beduinen gaben ihre Hengstfohlen ja in die Städte und Oasen ab.
Die sicherste Quelle floß jedoch einzig bei den Nomaden. Aber auch da war der Einkauf mit Schwierigkeiten verbunden. Gar mancher wählte die gut genährten Pferde, die bei den Zelten bleiben mußten, weil sie den Beduinen nicht kräftig genug für die anstrengenden Raubzüge schienen, und ließ die "ausgemergelten Ruinen" stehen.

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Wann: Jahrhundertelang bedeutete die Pferdezucht für den Beduinen eine Lebensnotwendigkeit, frei von romantischen Gefühlen, ganz auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Je stärker die Beduinen allerdings mit der Zvilisation in Berührung kamen, um so mehr wichen sie von den alten Grundsätzen ab und wurden nachlässiger; ihre Tugenden entfalteten sich nur unter den härtesten Lebensbedingungen.
Der entscheidende Einbruch vollzog sich im 20. Jahrhundert, als Auto und Maschinengewehr nach Arabien kamen: Die tapfere Kriegsstute mußte der modernen Technik auf die Dauer unterliegen. Als die Pferdezucht für den Beduinen zwecklos wurde, gab er sie auf.
In der Tat erlebte das arabische Pferd seine Glanzzeit im 19. Jahrhundert. In Europa war es seine Aufgabe, den vorhandenen Pferdeschlägen seine besonderen Eigenschaften zu übertragen: Ausdauer, Genügsamkeit, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit, gutes Temperament, Gesundheit und Adel.
Nur wenige Gestüte praktizierten jedoch die Reinzucht. Das älteste dieser Art war "Weil", das von König Wilhelm I. von Württemberg 1817 gegründet und vom Haupt- und Landgestüt Marbach 1932 übernommen wurde.
Zu den fanatischsten Liebhabern außerhalb Arabiens gehörten die ägyptischen Paschas, allen voran der Vizekönig Abbas Pascha I. (1813 - 1854). Aufgewachsen in Arabien zu der Zeit als es von den Ägyptern besiegt und besetzt war, befreundet mit den bedeutendsten Beduinenscheichs, sandte Abbas, nachdem er 1848 in Ägypten zu Macht und Reichtum gelangt war, seine Agenten bis in die entlegendsten Winkel Arabiens. Sie sollten die edelsten und reinsten Pferde aufspüren. Keine Summe war ihm zu hoch. Über eintausend (!) der erlesensten Araber, deren Abstammung durch mehrere Zeugen belegt sein mußte, sammelte der Pascha in seinen Ställen.
Das allgemeine Interesse am arabischen Pferd ließ zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch außerhalb Arabiens merklich nach. Dies hatte einen entscheidenden Grund: seine geringe Größe.
Außer in England, Polen, Rußland und der USA, wo sich kontinuierliche Zuchten entwickelten, gewann das arabische Pferd erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg an Popularität.
Dieses Mal war es jedoch nicht als Veredler anderer Rassen bestimmt, sondern zur Reinzucht. Es trat zum zweiten Siegeszug an, zum größten und triumphalsten seiner Geschichte.
Heute finden wir es auf allen fünf Kontinenten. Überall auf der Welt haben sich Züchter zusammengeschlossen, und 1972 wurde die WAHO (World Arabian Horse Organization) gegründet, die Dachorganisation (fast) aller araberzüchtenden Länder.
In den letzten 20 Jahren kam dem ägyptischen Araber in Europa die größte Bedeutung zu. Sein Adel und Charme ließ die klassischen Bilder der Maler des 19. Jahrhunderts wieder auferstehen und verlieh dem "europäisierten" Araber wieder orientlischen Zauber und Flair.

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