Dr. Nagel, Jahrgang 1930, gelangte über berufliche Kontakte zum arabischen Pferd.
1967 begann er seine Zucht mit Pferden aus dem ägyptischen Staatsgestüt "El Zahraa" aufzubauen.
Heute zählt sein Gestüt "Katharinenhof" weltweit zu den führenden Zuchtstätten rein ägyptischer Araber. Der "US. National Top Ten"-Hengst Jamil wurde hier genauso geboren wie der Welt-Champion Sherif Pasha oder der schwedische Reserve-National-Champion des letzten Jahres, Shahin.
Dr. Nagel ist der Vorsitzende des Araberzuchtverbandes.
Susanne Bösche sprach für ARABERINTERNATIONAL.DE mit ihm.Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Welchen Stellenwert hat die Araberzucht für Sie?
Meine Zucht ist ein phantastischer Zeitvertreib. Im Geschäftsleben muß ich schnelle Entscheidungen treffen. In der Pferdezucht kann ich mir Zeit lassen. Im Grunde elf Monate lang. Denn wenn ich mich einmal für eine Anpaarung entschieden habe, kann ich nur noch abwarten. Zucht ist für Menschen, die "schnell" leben ein interessanter Ausgleich. Man kommt nie an ein Ende, man kann immer etwas Neues ausprobieren. Leute mit falschem Ehrgeiz machen sich allerdings verrückt.
Foto: van Lent
Salaa El Dine, der Hauptbeschäler des "Katharinenhofes"
Wie drückt sich das aus?
Das Verhältnis ist einfach anders. Ich kann Ihnen etwas von Jay Stream, dem Leiter der WAHO erzählen.
Er importierte die spanische Stute Ispahan nach Amerika, die Mutter seines Hengstes AN Malik. Doch sie brachte nie wieder ein Fohlen. Als ich sie sah, fragte ich: "Wann hatte diese Stute ihr letztes Fohlen?" Er winkte ab, denn es war ihm egal. Nur das Pferd selbst war ihm wichtig.
Für Leute, die Araberzucht als "Business" betreiben hat es nicht die gleiche Bedeutung. Das persönliche Verhältnis zum Pferd ist praktisch nicht vorhanden, es stellt lediglich ein Investitionsobjekt dar.Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihren Pferden beschreiben?
Ich bin immer wieder auf die ersten Ankäufe - meine alte Liebe - zurückgekommen.
Zu den neueren Ankäufen habe ich nie so recht den Kontakt gefunden.
Ein Pferd, das man vierundzwanzig Jahre um sich hat - da ist das Verhältnis einfach anders. An Hanan lag mir viel. Nach dem elften Fohlen war Schluß. Sie hätte sicher noch mehr bekommen können. Aber mir lag mehr daran, das Pferd als solches zu erhalten. Und die Entscheidung war richtig.Die Frage muß zwangsläufig kommen: Warum züchten Sie Ägypter?
Es war reiner Zufall. Seit 1966 bin ich beruflich alle drei Monate in Kairo. Irgendwann besuchte ich aus Neugier das Gestüt El Zahraa. Wenn man so oft dorthin kommt, bildet sich fast ein familiäres Verhältnis. Ich machte mir Gedanken um die Pferde, um Zuchtentscheidungen.
Der zweite Grund, der in meinen Augen für die Ägypter spricht, ist die im Grunde kleine Population. Die Anzahl der Tiere, mit denen man sich züchterisch befassen muß, ist gering. Man kann einen bestimmten Typ viel schneller herauszüchten als bei einer großen Genpopulation.
Kann genau diese kleine Genpopulation nicht zu einer Gefahr werden?
Pferde generell sind nicht sehr inzuchtempfindlich - im Vergleich zu anderen Tieren.
Man sollte Inzucht ohnehin nur betreiben, um gute Merkmale zu verstärken. Nur Unvernünftige züchten auch auf schlechte Merkmale in: Die Pferde werden dann kleiner, die Hälse kürzer, es kommt zu Pigmentverlusten. Für mich sind Estopa (Gestüt Om El Arab) und Hanan die einzigen Stuten, auf die man bedenkenlos Inzucht betreiben kann.Nur: Wie und wann erkennt man ob sich das Gute oder das Schlechte durchsetzt?
Man findet es heraus. Sehen Sie, "züchten" ist primär "testen".
Keiner kann wirklich voraussagen, ob eine Kombination gut oder schlecht wird. Wie heißt es im Alten Testament? "An den Früchten sollt ihr sie erkennen."
Heute habe ich es als Araberzüchter natürlich gut, weil weit mehr Informationen über die Ahnen und nähere Verwandtschaft zur Verfügung stehen. Ich sehe sämtliche Tiere und ihre Vorfahren und kann den Geno- und Phänotyp vergleichen. Entsprechend kann ich selektieren und manche Anpaarung aussparen.
Aber man kann das Ergebnis nicht wirklich voraussagen?
Primär sollte man sich die Nachkommen ansehen! Nicht nur nach Körurteil und Schauerfolgen gehen. Ich sage: Inzucht ist dann positiv, wenn man vorsichtig damit umgeht und merkt, hier geht es nicht weiter und dann aufhört!
Foto: Bösche
Helala v. Salaa El Dine
Was schätzen Sie persönlich am Araber? Man hat seine Vision, die man nur mit Einschränkungen erreichen kann: Trockenheit, feines trockenes Fundament und kleine Hufe. Ich mag absolut keine Araber mit riesigen Hufen. Aber Trockenheit ist die entscheidende Sache. Ich mag auch keine groben Knochen. Einige Linien in Ägypten tendieren dahin; die will ich natürlich nicht. Sicher, es gibt auch andere Ansichten. Einmal besuchte mich ein Araber und sagte: "You have boneless horses!" Ich antwortete: "Well, I have boneless horses. That's okay for me!"
Manche Züchter streben einen bestimmten Typ an. Wie ist das bei Ihnen?
Nehmen wir das Beispiel der Stute Moniet El Nefous - mit allen Vorteilen und Nachteilen. Man versucht in den USA diesen Typ zu züchten. Aber man hat eine Anhäufung von Moniet-El-Nefous-Blut im Pedigree, doch der Typ des Pferdes ist ein gänzlich anderer. Die meisten Nachkommen haben zum Beispiel nicht mehr diesen langen schlanken und trockenen Kopf.
Wenn ich züchte, muß ich ein Ziel haben. Auch eine Pedigree voll mit Moniet El Nefous kann ein Ziel sein. Aber das Pferd, das dazu paßt, ist in diesem Moment für manchen Züchter leider unerheblich. Was ich damit sagen will: Im Pedigree ist 80% Moniet-El-Nefous-Blut enthalten, das Pferd selber sieht jedoch ganz und gar nicht wie sie aus. Doch nur die Prozentzahl zählt - nicht, ob das Pferd von der Erscheinung her auch aussieht wie sie. Für mich ist allerdings wichtig, wo ich hin will. Ich will eben trockene, feine Araber.Ist Salaa El Dine so eine Art Jamil-Nachfolger für Sie?
Jamil war meiner Meinung nach als Individuum das fehlerloseste Hanan-Fohlen. Soweit ich das heute sehen kann, ist Salaa El Dine der bessere Vererber.Vergleiche ich die Pferde selber, dann war Jamil besser. Judith Forbis hat viele schöne Jamil-Töchter, aber - wie sagt man so schön? - nie ganz der Vater. Da hatte ich mehr Glück, ich habe solche Töchter. Afifa ist wohl die Tochter, die Jamil am ähnlichsten ist.
Wie sehen Sie den aktuellen Trend auf Schauen zu mehr Kaliber und spektakulären Gängen?
Manche Richter haben Probleme mit den Gängen. Alles, was sich bewegt kommt beim Publikum natürlich besser an. Alles, was sich spektakulär bewegt, kommt noch besser an. Das ist überall so. Ein toller Sportwagen wird noch toller, wenn er dahinrast. Man muß als Zuschauer ja verrückt werden. Klasse um Klasse immer wieder mit aufgestellten Pferden. Man will auch einmal Bewegung sehen. Wenn ein Pferd dann besonders sensationelle Gänge zeigt, reißt es das Publikum mit. Dadurch wird wohl auch der Richter ein bißchen beeinflußt. Derjenige, der sich nicht beeindrucken läßt, wird auch sein Ideal durchsetzen. Der größte Teil der Richter - und das ist sehr positiv - sieht jedoch den Typ, und das ist wichtig. Im Grunde nimmt man beim Araber in der Beurteilung Rücksicht auf die Typmerkmale. Man versucht eben, eine optimale Richtergruppe zusammenzustellen. In Bezug auf den Körperbau sind Richter objektiv, in der Typbeurteilung eher subjektiv.
Es scheint so, daß man heute eher an ein gutes Zuchtpferd kommt als an einen gut gerittenen Araber.
Da haben Sie recht, es ist ein Problem.
Abgesehen davon, daß teilweise Züchter gar nicht reiten können, ist Züchten und die Pferde "nur" aufziehen viel einfacher als Pferde einzureiten. Das macht Arbeit und ist ungleich schwieriger.
Aber man hört auch immer wieder das Argument, der Araber ist zu temperamentvoll und deswegen nicht reitbar.
Ein anständiger Charakter - und man spricht viel zu wenig darüber - ist eine wichtige Zielsetzung.
Ich bin selber überaus vorsichtig und durchaus kein Held. Ich will mich nicht mit "wilden" Hengsten auseinandersetzen müssen. Deswegen muß der Charakter stimmen.
Schlechte Eigenschaften gibt es überall, in jedem höher entwickelten Lebewesen. Das ist nicht arabertypisch. Es gibt zwar schlechtere Linien in dieser Beziehung, aber es ist nicht typisch. Sonst kann man sich ein enges Zusammenleben, wie es früher die Beduinen gepflegt haben, nicht vorstellen. Da wäre ich konsequent. Ich könnte das schönste Schaupferd im Stall haben. Wenn es charakterlich nicht einwandfrei ist, würde ich es verkaufen. Da wüßte ich meine Prioritäten zu setzen.
Unterliegt der Araber nicht schwankenden Trends, die den Verkauf zusätzlich erschweren? Im Augenblick sind zum Beispiel spektakuläre Gänge gefragt, dann wieder in besonderem Maße Farbpferde...
Es ist wie mit allen anderen Dingen auch.
Es gibt Menschen und Gestüte mit guten Namen, die durch gute Pferde bekannt geworden sind. Diese Menschen haben keine Probleme, wenn sich der Trend ändern sollte.
Viele unterschätzen das interessierte Publikum! Ist man ehrlich zu den Leuten, gibt es keine Probleme mit dem Absatz. Wollen sie dies oder das Pferd, dann muß man auch einmal ein paar Fehler zugeben. Dafür ist der Preis dann entsprechend geringer. Vielleicht möchte ich ein Pferd aber gar nicht verkaufen, dann geht es umgekehrt natürlich auch über den Preis.Ich verkaufe zum Beispiel seit Jahren in viele Länder. Man muß auch sehen, daß gute Pferde Werbung für das eigene Gestüt machen. Da sind zum Beispiel Asfour (Malik x Hanan) in Australien, Bint Amal (Halim Shah x Amal) in Qatar oder Nahaman (Salaa El Dine x Ameera) in Kuwait. Ich glaube, seriöse Gestüte, die ehrlich zu ihren Kunden sind, werden keine Probleme mit schwankenden Geschmäckern haben. Natürlich, Mode gibt es immer und überall. Warum soll die Pferdezucht davon verschont bleiben. Die Mode kommt und geht, aber die guten Pferde bleiben immer gleich. Zum Beispiel spielt die Farbe im reiterlichen Milieu eine größere Rolle - diese Erfahrung habe ich gemacht. Mir ist das egal. Ich will nur mein Ideal verwirklichen.
Der bekannte Asfour (Malik x Hanan)
Das ist einfacher gesagt als getan. Sie haben inzwischen eine Position erreicht, in der Sie das verwirklichen können. Aber sicher sagen doch auch Ihnen Leute ihre Meinung?
Ich höre mir natürlich an, was andere sagen. Ich bin sogar dankbar dafür. Anschließend denke ich darüber nach. Ist das richtig, was da gesagt wurde? Letzten Endes tue ich, was ich will und für richtig halte. Leute, die sich von Mode leiten lassen werden nie ein Konzept zustande bringen.
Herr Dr. Nagel, vielen Dank für das Gespräch.