Teil I - Al Badeia

Eines der ersten Fohlen des Jahres 2000 - Bondok Al Badeia (AK El Sennari x Walaa)

Eine Glastür am Kairoer Flughafen öffnet sich automatisch und ich trete hinaus. Blauer Himmel, strahlende Sonne empfängt mich. Wo war noch die Sonnenbrille? Habe ich eben noch an das kalte, ungemütliche Wetter in Deutschland gedacht? Vorbei - daran verschwende ich die nächsten sieben Tage keinen Gedanken. Spätestens als ich im Taxi sitze, nimmt mich Kairo wieder einmal gefangen. Eine Stadt mit circa 16 Millionen Einwohnern ruht niemals. Der chaotische Verkehr hat dabei seine eigene Faszination. Waren Sie mit Ihrem eigenen Auto schon mal in Paris und haben entsprechende Ängste in bezug auf die drohende Wertminderung ausgestanden? Im Vergleich zu Kairo ist das alles vollkommen harmlos! Hier herrschen noch ganz andere Dimensionen und trotzdem - der Verkehr fließt. Kairo im Januar. Das bedeutet für die Ägypter tiefster Winter, für uns Europäer aber frühlingshafte Temperaturen. Nicht gerade das richtige Wetter für "Sonnenanbeter", denn man kann auch Pech haben und einen der seltenen Regentage erwischen. Aber es ist genau das richtige Wetter für "Pferdefanatiker", denn man kann bequem stundenlang Pferde ansehen.
Um diese Jahreszeit holt die Kairoer Bevölkerung ihre Pullover aus den Schränken und die Pferde legen ihren Winterpelz an. Natürlich nicht in dem Ausmaß wie wir es aus Deutschland gewohnt sind. Doch wenn man einmal im Oktober oder dann im April oder Mai Pferde in Ägypten gesehen hat, bemerkt man schnell den Unterschied.
Wer sich für arabische Pferde, und hier insbesondere ägyptische Blutlinien interessiert, für den ist Ägypten irgendwann im Leben ein "Muss". Über einhundert private Gestüte gibt es inzwischen. Viele verfügen über einen kleinen Bestand - eine Herde von zwanzig bis dreißig Pferden ist bereits groß.

Die Zeit steht still auf Al Badeia!

Das älteste und größte Gestüt ist Al Badeia Stables. Es wurde 1935 gegründet, als Ahmed Marei für etwa 30 $ zwei arabische Pferde von der Royal Agricultural Society kaufte. In Benha, etwa fünfzig bis sechzig Kilometer von Kairo entfernt, wurde das Gestüt unter dem Namen "Marei Stud Farm" aufgebaut. 1951 entschied sich Ahmed Mareis Sohn Sayed für ein Gelände am Rand von Kairo. So liegt das Gestüt seitdem nur zwei Kilometer von den berühmten Pyramiden von Gizeh entfernt.
Da wir ein Hotel mitten in der Stadt gewählt haben, brauchen wir etwa eine halbe Stunde mit dem Auto. Vorbei an einer Art Busbahnhof kommt man von lebhaften Hauptstraßen auf eine etwas ruhigere Seitenstraße. Linker Hand liegt ein Seitenkanal des Nil, rechter Hand ragen Hochhäuser auf. Und die Spitze der Pyramiden von Gizeh sind immer im Blickfeld. Kaum jemand würde hier ein Gestüt vermuten. Dann ragen rechts zwei Meter hohe Mauern auf und der Fahrer biegt ab und wir stehen vor einem hohen Tor. Auf mehrfaches Hupen öffnet sich das Tor und drei lebhafte Deutsche Schäferhunde umspringen laut bellend das Auto, das langsam auf das Gelände rollt. Hohe Palmen und Zitrusbäume umgeben das ganze Gestüt und erwecken den Eindruck, man befinde sich in einer Oase.

Der Hengst Nasr Al Badeia (Rashdan x Bint Makhsous) genießt sein Leben

Ahmed Marei hinterließ das Gestüt seinem Sohn Dr. Sayed Marei, der eine große Rolle im politischen Leben Ägyptens spielte. Eines der vielen hohen Ämter, die er bekleidete, war das eines Landwirtschaftsministers. Mittlerweile bestimmt die dritte Züchtergeneration die Geschicke des Gestütes - in Person von Dr. Sayed Mareis Söhnen Dr. Nasr Marei und seinem Bruder Hassan Marei. Pferde waren immer Teil der Familie Marei. Bevor Ahmed Marei bei der RAS kaufte, besaß seine Familie Vollblutaraber der Tahawi-Beduinen. Sie spielen in der Zucht von Al Badeia - wie das Gestüt seit den frühen siebziger Jahren heißt - allerdings keine Rolle. Viele Jahre war das Gestüt der Familie Marei bekannt für erfolgreiche und typvolle Rennpferde. Doch das ist lange her, seit vielen Jahren schickt Al Badeia keine Vollblutaraber mehr zur Rennbahn. Mit dem Umzug des Gestütes zu den Pyramiden änderte sich nicht nur der Standort, sondern auch das Zuchtziel. Dr. Sayed Marei nahm Abstand vom Renngeschehen und konzentrierte sich ganz und gar auf die Zucht eines typvollen, klassisch schönen arabischen Pferdes. Die Linien der 1935 gekauften Stuten Bint Magboura (von Hamran) und Bint Bint Bint Riyala (von Ibn Rabdan) und der 1942 gekauften Samia (Zeidan x El Samraa) sind mittlerweile nicht mehr existent. Der Bestand geht heute im wesentlichen auf drei Familien zurück:

- Bint Bint Yosreia (Yakout x Bint Yosreia) und Zahia (Sid Abouhom x Samha), Mutterlinie der Venus, eine Hadban Enzahi
- Tifla (Nazeer x Elwya), Mutterlinie der Bint El Bahreyn, eine Dahman Shahwaniyah
- Anzar (El Sareei x Hanaa), Mutterlinie der Hind (Inshass), eine Saklawiyah

Photo: van Lent
Die bereits verstorbene Meseda (Maher x Nagwa) in ihrer neuen Heimat Qatar

Die Familie der Anzar ist die kleinste dieser drei. Sie wird repräsentiert durch die Anzar-Enkelin Sabriat Alb (Wahag x Asrar von Kayed), einer vierzehnjährigen Schimmelstute, oder die dunkelgraue Ghenwa Alb (Badran x Momtaza), einer hochbeinigen, schlaksigen Dreijährigen. Aus dieser Familie stammt unter anderem die Stute Meseda (Maher x Nagwa von Kayed x Anzar). Für die extrem typvolle Schimmelstute wurden der Familie Marei in den achtziger Jahren 250.000 US-$ geboten. Eine Summe, für die Meseda nicht verkäuflich war. Bis jemand ein besseres, werthaltigeres Argument fand. 1991 verließ Meseda das Land in Richtung des Wüstenstaates von Qatar. Für ihren neuen Besitzer Hamad Bin Khalifa Al Thani holte sie 1992 das Senioren-Reserve-Championat der Internationalen Schau in Doha.

Aneesat Al Badeia (Amir Alb x Nour El Sabah) demonstriert ihre schwungvollen Gänge

Tiflas Linie wird vor allem über ihre Tochter Naeema (von Fayek) 1964 fortgeführt. Da ist zum einen der herrlich maskuline Badran (von Moataz x Badawia), geboren 1985. In der Stutenherde ist die hochedle Aneesat Alb (Amir Alb x Nour El Sabah) eine unübersehbare Perle. Ihre zwanzig Jahre sieht man ihr kaum an. Von bemerkenswerter Schönheit ist auch ihre Tochter Walaa Alb (von Amir Alb) mit extrem gewölbter Stirn und fein modellierter Maulpartie.

Aneesats typvolle Tochter Walaa Al Badeia (by Amir Al Badeia)

Von einem anderen, traditionsreichen Privatgestüt - den Hamdan Stables - kaufte Dr. Sayed Marei Bint Bint Yosreia. Ihre Mutter Bint Yosreia (von Nazeer) war die einzige Vollschwester zu dem berühmten Aswan, der so erfolgreich im russischen Gestüt Tersk wirkte.

Anhar Al Badeia (Amir Al Badeia x Bint Bint Yosreia) und ihre Champion-Tochter...

Anhar Alb (von Amir Alb) ist eine Tochter der Bint Bint Yosreia. Von Imperial Madori brachte sie 1996 die Stute Galagel Alb, die ihr in Typ und Ausdruck in nichts nachsteht.

...Galagel Al Badeia (by Imperial Madori)

Die Hadban Enzahi-Linie über Zahia ist allerdings stärker vertreten. Zahias Tochter Nagdia (von Nazeer) brachte die einflussreichen Vollschwestern Malekat El Wadi und Farida (von Fayek). Eine dritte Tochter, Malekat El Gamal (von Waseem), hinterließ zwei Hengstfohlen, bevor sie in die USA exportiert wurde. Ihr erster Sohn Tamir (von Hafez) wurde nach Spanien verkauft. Doch Amir Alb (von Kayed) beeinflusste das Gestüt maßgeblich.
Zu dieser Familie gehören so herrliche Stuten wie Halawat (Amir Alb x Malekat El Wadi) oder Bint Makhsous (Makhsous x Hasanat Alb). Deren charmantes, 1998 geborenes Stutfohlen Halima Alb (von Bar Sama Halim) repräsentiert die siebte Generation des Al Badeia Gestüts!

Ibtehag Al Badeia (Badran Alb x Halawat Alb) - Ägyptens erfolgreichste Schaustute

Keinesfalls vergessen werden darf Ibtehag Alb (Badran Alb x Halawat Alb). Die siebejährige Fliegenschimmelstute ist eines der gewinnreichsten Pferde Ägyptens. Sie gewann zwei National-Champion-Titel - jeweils bei den Junioren und Senioren. Sie ist eine kurze, kompakte, harmonische Stute, die sich auch sehr gut zu bewegen weiß.

Der Hauptbeschäler Farid Al Badeia (Amir Alb x Farida by Ramses Fayek)

Im Hengststall vertritt Farid Alb (Amir Alb x Farida) die Hadban Enzahi-Linie. Er dürfte einer der wenigen Hengste sein, die sowohl auf der Vater- als auch auf der Mutterseite auf die berühmte Venus zurückgehen. Farid Alb ist ein überaus eleganter Hengst mit fast femininer Ausstrahlung. Er trat das schwere Erbe seines Vaters Amir Al Badeia an, der so viele hervorragende Nachkommen hinterließ, bevor er 1991 nach Qatar verkauft wurde.

Photo: van Lent
Amir Al Badeia (Kayed x Malekat El Gamal) in Qatar

Schon Amir Alb (Kayed x Malekat El Gamal), geboren 1974, war Nachfolger eines "starken" Vaters. Kayed spielte eine große Rolle für die Familie Marei. Dr. Sayed Marei ersteigerte den Schimmel 1968 im Alter von zwei Jahren auf einer Auktion. Die EAO bot damals einige Pferde ausschließlich für die inländischen Züchter an. Darunter war der Morafic-Sohn Kayed. Seine Mutter Kaydahom (Azmi/"Nil" x Om El Saad) hielt Dr. Sayed Marei für eine der besten Stuten der EAO. Kayed enttäuschte die Erwartungen nicht. Als typischer Morafic-Sohn hatte er ein feuriges Temperament und war in der Erscheinung eher hochbeinig. Viele seiner Nachkommen wurden exportiert, darunter alleine 36 Pferde in die USA. Ein Rekord, an den kein anderer Hengst herankommt. Als Kayed 1982 an den Folgen einer Kolik starb, trat sein Sohn Amir Al Badeia an seine Stelle. Obwohl von der gleichen Größe wie der Vater, war er ein etwas anderer, nicht ganz so schlanker Typ. Amir Al Badeia erbte die schönen Augen des Vater, die er wiederum an seine Fohlen weitergab. Ebenso wie seinen gut angesetzten Hals und die schöne Oberlinie.

Dr. Nasr Marei und Kayed im Jahre 1980

Farid Alb scheint sich seines Stellenwertes bewußt. Überaus gelassen und dennoch stolz tritt der Sechzehnjährige dem Besucher entgegen, ganz Gentleman. Auch Auge in Auge mit anderen Hengsten bleibt er ruhig, vollkommen Herr der Lage. Halbstarke Aufschneiderei überlässt er den jüngeren, beispielsweise seinem Sohn Inshallah Alb (a.d. Ibtehag Alb).
Langsam öffnet sich Al Badeia dem Einfluss anderer Länder. Gezielt setzt Dr. Nasr Marei Vollblutaraber aus anderen Ländern ein, die Anschluss an seine Zucht haben. Er nutzte den Championhengst Imperial Madori (Imperial Madheen x Imperial Orianah), den Omar Sakr nach Ägypten holte. Von ihm besitzt Dr. Marei einige typvolle Jungstuten wie Gelgelah Alb und Galagel Alb. Außerdem kaufte er den braunen Burhan Sakr (Farid Alb. x Alidarra). Dieses Hengstfohlen wurde von Omar Sakr gezüchtet und kam 1999 zur Welt. Ob Burhan Sakr einmal seinen Vater im Gestüt ersetzen wird?

Burhan Sakr - der nächste Hauptbeschäler?

Im vergangenen Jahr kaufte Dr. Marei, zusammen mit Dr. Aly Abdel Rahim, den zwanzigjährigen AK El Sennari (Ibn Moniet el Nefous x Il Bint Khedena von Ansata Ibn Halima). Ein langliniger Fliegenschimmel mit sanften, dunklen Augen, von dem in diesem Jahr die ersten Fohlen erwartet werden.

Der "Amerikaner" AK El Sennari (Ibn Moniet El Nefous x Il Bint Khedena)

Nach wie vor ist Al Badeia mit rund sechzig Pferden eines der größten Privatgestüte Ägyptens und eines der erfolgreichsten. Al Badeia exportierte im Laufe der Jahre weit über einhundert Pferde ins Ausland. Mehr verkaufte nur das Staatsgestüt El Zahraa an Ausländer. Von Schauerfolgen zeugen zahlreiche Pokale im Gestütsbüro. Am meisten zählt jedoch der züchterische Erfolg: Eine im Typ einheitliche Herde harmonischer, geschlossener Pferde mit guten Bewegungen und Aufrichtung, trocken in der Textur, mit markanten Gesichtern und schönen, runden Augen. Temperamentvoll im Freilauf, doch sanft im Umgang mit dem Menschen. Ein Eintrag im Gästebuch gibt es treffend wieder: "Das ist intelligentes Züchten über einen langen Zeitraum!" Dem ist nichts hinzuzufügen.

Susanne Bösche Arabische Notizen

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben: Susanne Bösche