27. bis 29. September 


Photo: Escher

Ich bringe es besser gleich zu Beginn hinter mich und bitte Sie um Entschuldigung! Dieser Bericht spiegelt meine ganz persönliche Meinung wider und mir ist bewusst, dass nicht jeder meine Sicht der Dinge teilen wird. Meine Favoriten müssen nicht zwangsläufig Ihre sein. Nehmen Sie meine Eindrücke als subjektive Bestandsaufnahme – und nicht als Gesetz.  


Photo: Escher

Die Atmosphäre war explosiv wie in jedem Jahr. Klaus Beste tat sein ”Bestes” am Mikrofon und unterhielt das Publikum – mit großem Erfolg. Die Tribünen brachen fast zusammen, so voll besetzt waren sie mit Menschen aus allen Kontinenten, die nach Aachen gepilgert waren, um einige der besten arabischen Pferde zu sehen, die unsere Zucht zu bieten hat. Es gab wirklich keine Verlierer – selbst die Pferde auf den letzten Plätzen fielen weich, soll heißen, sie wurden mit Noten nach Hause geschickt, die auf anderen Schauen für einen Sieg gereicht hätten. Die Kollektion der Qatari-Pferde beeindruckte und macht neugierig auf das Land ihrer Herkunft. Umso mehr, als fast alle gezeigten Pferde in Qatar gezüchtet und nur wenige angekauft wurden. Das Make-up (auf den Tribünen und im Ring) war heftig wie immer. Entweder man mag  den Flitter oder nicht. Ich mag ihn nicht, aber ich kann (und muss) damit leben. Auffallend, wie wenig Pferde dieses Jahr gelöst durch den Ring schwebten. Viele machten einen nervösen, verschreckten, verspannten Eindruck, andere konnten einfach nicht besser traben (aufgrund ihres Exterieurs). Bislang war Aachen der Ort für ”fliegende” Pferde, die das Publikum zur Raserei brachten, wenn sie die Trabstrecke entlang fegten. Sollte das vorbei sein?

AL AADEED AL SHAQAB


Photo: Escher
Al Aadeed Al Shaqab

Hier kam er. Der internationale Champion von Qatar betrat die Bahn: Al Aadeed Al Shaqab (ganz recht, er schreibt sich mit zwei ”a”, aber fragen Sie mich bitte nicht warum). Schneeweiß, mit großen schwarzen Augen, die wie Kohlestücke leuchteten, fiel er sofort ins Auge. Es war klar, er war einer, mit dem man zu rechnen hatte. Er ist einer der letzten Söhne des Ansata Halim Shah, der in ganz Europa und dem Mittleren Osten legendären Ruf besitzt, weil er so viel für die Ägypterzucht geleistet hat. Im Herbst seines Lebens verkaufte ihn seine Züchterin an den Emir von Qatar, der ihn als Hauptbeschäler einsetzte. 


Photo: Toischel
Al Aadeed Al Shaqab

Auf den ersten Blick wirkt Al Aadeed wie eine Porzellanskulptur – beneidenswert schön modelliert und im Ausdruck fast feminin. Je länger ich ihn betrachtete desto besser gefiel er mir. Er verfügt über erstaunlich viel Substanz, einen großen Rahmen, eine gute Oberlinie mit ausgeprägtem Widerrist, eine starke Hinterhand. Die Substanz legte ihm seine Mutter in die Wiege, wie man hört eine große, starke Stute, die von Ruminaja Ali stammt. Seinen Schweif trägt Al Aadeed bogenförmig und kerzengerade, fürwahr an die “Fahne des Propheten” erinnernd. Sein Kopf ist das perfekte Werk der Natur. Ich weiß, was Sie sagen wollen -  “Du meine Güte, der Kopf ist doch wirklich nicht so wichtig wie der Körper!” Das sehe ich auch so. Doch für mich bleibt der Kopf eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale des arabischen Pferdes. Al Aadeeds Kopf ist kurz, klein, scharf gemeißelt, mit großen Nüstern und kleinen Ohren. Machen wir es kurz: wunderschön – und es macht ganz einfach unglaubliche Freude ihn zu betrachten. Der Hengst befand sich in exzellenter Kondition und wenn sein Vorführer genauso gut trainiert gewesen wäre, hätte die Vorführung im Trab sicher noch mehr überzeugt. Es reichte in jedem Fall für die Höchstnote der gesamten Schau: 94,6 Punkte. Später glänzte er im Championat als Sieger der Senioren. Verdienter Lorbeer für einen außergewöhnlichen Hengst!


Photo: Toischel
Amira Al Shaqab

Seine schöne Tochter Amira Al Shaqab beendete die Schau mit einem dritten Platz in ihrer Klasse. Sie wirkte leider ein wenig matt und nicht so frisch und ausgeruht wie die anderen Pferde aus Qatar – wahrscheinlich war es einfach nicht ihr Tag. Bei anderen Gelegenheiten hat sie ihre Klasse schon unter Beweis gestellt und Champion-Stuten besiegt. Wie schon erwähnt, wurde Al Aadeed auf dem Al Shaqab-Gestüt des Emirs von Qatar geboren, dessen Manager Scheich Hamad Al-Thani ist, ein bekanntes Gesicht in Europa, da er hier viele Schauen richtet.


Photo: Toischel
Gazal Al Shaqab

Al Aadeeds Stallgenosse und amtierender Welt-Champion Gazal Al Shaqab war Zweiter dieser Hengstklasse (hinter Al Aadeed). Ein wahres arabisches Pferd, ein wahrer Hengst, ausdrucksstark und edel, erhielt er fast ebensoviel Applaus wie der Sieger. Er hat die letzten Monate in Polen verbracht und sich dort mit den Mädels vergnügt. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein, schließlich ist der Blutanschluß über seine Mutter gegeben, die ehemalige amerikanische National-Championesse Kajora (v. Naborr).

KUBINEC


Photo: Groger/Zoom Performance
Kubinec

Ja, auch für mich ist Kubinec ein König! Er ist so viel mehr als nur ein weiterer großartiger Hengst. Er tänzelte in den Ring und tanzte förmlich vor den Richtern. Das Publikum reagierte mit Begeisterungsstürmen. Kubinecs Charisma (ein überstrapaziertes Wort, aber Charisma und Kubinec gehören zusammen wie Pamela Anderson und, nunja, Brustvergrößerungen) machte mich sprachlos und obwohl er beginnt sein Alter zu zeigen (immerhin ist der Knabe fünfzehn Jahre alt) fegte er die Konkurrenten seiner Klasse vom Platz. Er trabt noch immer mit der Präzision eines Uhrwerks. Das Publikum skandierte seinen Namen und schrie und tobte als seine Noten verlesen wurden: 94 Punkte, die zweithöchste Wertnoten der Schau! Ich erspare es Ihnen und mir alle Erfolge aufzulisten, die Kubinec und seine Nachkommen so bemerkenswert machen. In Brasilien, Nordamerika, dem Mittleren Osten und in Europa – seine Söhne und Töchter gewannen und gewinnen zahllose Schauen.


Photo: Escher
Kubinec

Nach langen Überlegungen waren sich die Richter einig und Kubinec wurde zum Reserve-Champion gekürt. Ein schöner Erfolg für diesen elektrisierenden Hengst und seine Besitzer, die Familie Stöckle aus Deutschland. Viele Kommentare waren zu Kubinecs Kondition zu hören. Nein, er war wirklich nicht in tadelloser Kondition für eine Schau aber wenn ich recht informiert bin, kam er praktisch direkt von der Weide nach Aachen. Ist das nicht ein schöner Beweis dafür, dass Richter durch das Make-up, den Glitter und das “Bodybuilding” hindurchsehen? Frank Spönle stellte ihn meisterhaft vor, keine Frage, doch Kubinec ist kein Pferd, das einen Vorführer wirklich braucht. Er macht das schon alleine, präsentiert sich wie ein Profi mit unglaublichem Selbstbewusstsein und großem Charme. Je mehr Applaus er hört desto stärker dreht er auf. Ein geborener Showstar. Lang lebe der König!

EL DORADA & ZT SHARUBY
Im Championat besiegte El Dorada (von Sanadik El Shaklan) die Stute ZT Sharuby. Eine Entscheidung, die es zu respektieren gilt. Bei flüchtiger Betrachtung wirkt El Dorada unauffällig doch bei näherem Hinsehen erschließt sich ihre Qualität. Ihr Körper ist ausbalanciert, sie kann jedoch in keiner Weise als “extrem” bezeichnet werden. Einige im Publikum bewerteten ihre Stallgefährtin Fallada (von Monogramm) deutlich höher, die ihre Klasse (sechs- bis achtjährige Stuten) gewonnen hatte, im Championat aber leer ausging.


Photo: Escher
ZT Sharuby

Auf der anderen Seite ist die Reserve-Championesse ZT Sharuby eine extreme Stute. Extrem im Typ, extrem in der Ausstrahlung. Nicht ohne Fehler, sicherlich, doch das sollte angesichts dieses Typs nicht ins Gewicht fallen. ZT Sharuby wirkt wie eine Märchengestalt und jeder halbblinde Richter erkennt in ihr das wahre Arabische Pferd. Um eine erfahrene Züchterin zu zitieren: “Ohne Typ verliert die Rasse ihre Identität!”

DIE JUNIOREN-CHAMPIONS


Photo: Escher
Marwan Al Shaqab

Die Junioren-Champions waren in ihrer Qualität sehr dicht beieinander. Marwan Al Shaqab (von Gazal Al Shaqab) war nicht zu schlagen doch lag ihm El Amin (von Psytadel) dicht auf den Fersen. Obwohl beide braun sind, endet hier die Gemeinsamkeit: El Amin ist kompakter und männlicher, Marwan erscheint graziler, langliniger und außerordentlich elegant.


Photo: Escher
Emira

Die Junioren-Championesse Emira (von Laheeb) und die Reserve-Championesse Sundos Al Nasser (von Ashhal Al Rayyan) stammen beide von rein ägyptischen Vätern aus polnischen Stuten. Ein Rezept, das funktioniert – für Polen und Qatar (auch Gazal Al Shaqab entspringt einer solchen Anpaarung). Ich war überaus beeindruckt von Sundos Al Nassers großen dunklen Augen, etwas, das ich heute auf vielen Schauen nicht mehr zu sehen bekomme.

GELGELAH AL BADEIA


Photo: Escher
Gelgelah Al Badeia

Gelgelah ist das Pferd, über das nach den Stutenklassen alle sprachen. Sie kam auf den vierten Platz in ihrer Klasse, doch das Publikum feierte sie als die wahre Gewinnerin. Alle liebten sie, auch die Richter (sie erhielt schließlich 91,6 Punkte, die Gewinnerin kaum mehr, nämlich 92 Punkte)! Sie zeigte eine brillante Show. Ihr Trab war elastisch und federn – sie flog ohne Flügel. Schön, dass sie da war, eine Repräsentatntin eines der ältesten Gestüte Ägyptens. Ich bin sicher, dass ihr Züchter und Besitzer Dr. Nasr Marei ihren vierten Platz als den Triumph sieht, der er war – schließlich eroberte sie die Herzen der Zuschauer im Sturm.

LADY PSYCHE


Photo: Escher
Lady Psyche

In Aachen sah ich Psytadels erste Nachkommen. Was soll ich sagen, ich war beeindruckt. Ganz besonders von Lady Psyche (gezogen und im Besitz von Noel-Verhofstadt/Belgien), von der ich sicher bin, dass sie ihren weg gehen wird. Sie gewann ihre Klasse mit hervorragenden Noten. Sie besitzt Typ und Grazie im Überfluss. Das war bestimmt nicht ihre letzte Schau!

KHIDAR


Photo: Escher
Khidar

Obwohl er im Championat übergangen wurde, ist dieser Hengst wahrlich nicht zu übersehen. Der Multi-Champion Khidar gewann seine Klasse mit Leichtigkeit und erinnert mich seinen Anblick daran, dass Schönheit in der Tat ihre eigene Existenzberechtigung ist. Er war ein weiterer beeindruckender Kandidat aus Belgien – ich würde sagen, es ist Zeit diesem Land einmal einen Besuch abzustatten...

ANSATA NILE ECHO & JOHARA AL NAIF


Photo: Groger/Zoom Performance
Ansata Nile Echo

Dieser Hengst war einer meiner Favoriten. Ja, ich weiß, dass er nicht Erster oder Zweiter wurde (er hatte das Pech in einer sehr starken Klasse zu sein, vollgepackt mit internationalen Champions). Doch manchmal kommt ein Pferd daher, dass einen gefangen nimmt und da frage ich weder nach Sieg oder Niederlage. So ein Pferd ist Ansata Nile Echo (Ansata Hejazi x Ansata White Nile) für mich, der im Besitz des Al Naif-Gestüts in Qatar steht und von Glenn Jacobs vorgestellt wurde. Ich folgte Nile Echo zu den Stallungen und führte ein kleines Gespräch mit ihm. Ein liebenswerter Bursche, sehr aufmerksam – ein typvoller Charmeur und eine "Bewegungsmaschine" in einem. Ich bin sehr gespannt auf seine Nachkommen.


Photo: Toischel
Johara Al Naif

Seine Stallgefährtin Johara Al Naif kam auf den zweiten Platz in einer qualitativ sehr ansprechenden Klasse. Sie ist einfach unwiderstehlich. Sehr petite, zart, fast zerbrechlich, schaut sie aus übergroßen Augen in die Welt und bezaubert durch ihre liebenswerte Art. Ihre Zeit wird kommen.

DAS QATAR-TEAM


Photo: Toischel
Sheikh Hamad & Marwan Al Shaqab

Vor der Schau hörte man es schon rumoren – etliche Züchter fürchteten die Pferde der Qataris, die – zumindest als Gruppe – das erste Mal in Europa antraten.
Wir sollten nicht vergessen, dass bereits viele andere Länder und Privatzüchter den Nations Cup erobert haben – lange vor den Qataris. Ich erinnere mich als die Polen das erste Mal nach Aachen kamen – und gewannen. Später folgten große Gruppen von Pferden aus Italien, dann Spanien. Dann erschienen erstmalig die Pferde aus der Kollektion von Baron Zichy-Thyssen, gefolgt von der riesigen Gruppe polnischer Pferde von Shirley Watts (die dieses Mal ihre neuen Brasilianer vorstellte). Immer, wenn solche "Neuen" zum ersten Mal antraten gab es einige Züchter, die nicht erbaut waren. Aber, heißt das Zauberwort hier nicht "Wettstreit"? Das ist eine Schau. Eine der prestigeträchtigsten in Europa. Je größer die Konkurrenz desto spannender.

Außerdem kamen die Qatari-Pferde nur, um gezeigt zu werden. Sie stehen nicht zum Verkauf, zu keinem Preis.  Sie wurden eingeflogen, um beim Nations Cup gezeigt zu werden. Kein schlechter Plan, schließlich gewann Qatar den Nations Cup und den "Breeders Cup".
Das Qatar-Team wurde von herausragenden Pferden und Menschen repräsentiert. Trainer, Pfleger und Gestütsmanger waren freundlich zu jedermann und -frau und gaben bereitwillig Auskunft über ihre Pferde und das Land Qatar. Es machte viel Spaß sich mit ihnen zu unterhalten. Jeder, der die Hand ausstreckte, bekam das wunderschöne Buch "Die arabischen Pferde von Qatar" geschenkt, das Fotos und Pedigrees aller Pferde enthält, die nach Europa gekommen sind.
Scheich Hamad Al-Thani fungierte als das "Flaggschiff" der Truppe. Immer, wenn ein Pferd des Getüts Al Shaqab im Ring war, sah man an seinem Gesicht, ob es gewann oder verlor. Entweder er strahlte mit den Scheinwerfern um die Wette oder er schnitt voller Unglauben Grimassen. Gewann eines seiner Pferde, sprang er in den Ring und präsentierte das Pferd voller Stolz dem Publikum (dazu reichte ihm auch schon der dritte Platz). Was immer einige von Ihnen gesehen haben, ich kann für mich sagen, dass ich nichts bemerkt habe, was Scheich Hamad falsch gemacht haben soll. Alles was ich sah, war ein Mann, der seine Emotionen zeigte – und das war überaus sympathisch. Dank an die Qataris, dass  sie ihre Pferde nach Aachen geschickt haben – es war ein beglückendes Erlebnis sie gesehen zu haben. Schukran. Das ist das arabische Wort für "danke". So habe ich's in Aachen von den Qataris gelernt.

Erlebt von Niina Hartmann,
aufgezeichnet von Oliver Wibihal


Photo: Escher

Klicken Sie hier für die
Klassensieger und Champions!

This feature was brought to you in October 2002 by
www.straightEgyptians.com