Erster Teil: Rashad Ibn Nazeer

Nazeer! Der magische Name in den Pedigrees rein ägyptischer Pferde. In dieser neuen Serie präsentieren wir seine einflußreichsten "amerikanischen" Söhne. Es ist die Fortsetzung unseres Features über die drei "deutschen" Nazeer-Söhne, das eines der Favoriten unserer Leser zu sein scheint. Zahlreiche mails erreichten uns mit der Anfrage, ob wir eine Serie dieser Art nicht auch über andere Länder machen könnten. Kein Problem, schon geht's los! Beginnen wir mit Nordamerika...

Rashad Ibn Nazeer

Ohne Zweifel gehörte Rashad Ibn Nazeer nicht zu den berühmtesten Nazeer-Söhnen in Amerika. Aber er war der erste, der dieses Land betrat. 1958 kam er zusammen mit den Nazeer-Töchtern Bint Moniet El Nefous und Bint El Bataa (und zwei weiteren El Sareei-Töchtern) in Amerika an. Es war der erste Import ägyptischer Pferde seit den frühen Babson- und W.R. Brown-Importen im Jahre 1932. Rashad Ibn Nazeer und die vier importierten Stuten weckten in vielen amerikanischen Züchtern den Wunsch ebenfalls nach Ägypten zu reisen, um dort Araber zu erwerben - sie fachten das Interesse an ägyptischen Pferden neu an.

 

Rashads Vater Nazeer (Mansour x Bint Samiha)

Rashad Ibn Nazeer (Nazeer x Yashmak von Sheikh El Arab) kam 1955 in Ägypten zur Welt. General Tibor von Pettkoe-Szandtner (der damalige Leiter von El Zahraa) wählte ihn persönlich für den Amerikaner Richard Pritzlaff aus, auf dessen Gestüt "Rancho San Ignacio" in Neu Mexiko der Hengst als Deckhengst eingesetzt werden sollte. Er wählte ihn, weil er ein Sohn von Nazeer war - seinem Favoriten. Eine Vorliebe, die Richard Pritzlaff mit ihm teilte. "Als ich Nazeer 1956 zum ersten Mal sah, wurde er ruhig aus seinem Stall geführt. Er trug nur ein Halfter. Man führte ihn herum, zeigte ihn mir von allen Seiten und ließ ihn dann traben. Erst langsam, dann schneller, schließlich galoppierte er an, nur um kurz darauf wieder ruhig dazustehen", erinnerte er sich. "Dann ritt ihn der Stallbursche zu den Stuten, um sie abzuprobieren. Diese Szenen sind mir für immer im Gedächntnis geblieben."

 

Rashad Ibn Nazeer in Neu Mexiko

 

Nazeers Sohn Rashad maß ausgewachsen über 152 cm, war feinknochig und mit eleganter Trabaktion ausgestattet. Er besaß einen trockenen Kopf, doch konnte man ihn nicht als typischen Repräsentanten des Nazeer-Blutes ansehen, da er kein "hübsches" Pferd war. Die ihn kannten, beschrieben Rashads Schönheit als "herb". Sein Gesicht konnte sich nicht mit dem eines Ansata Ibn Halima vergleichen, doch die Züchter, die Rashad gegenüber standen zeigten sich von seinen katzenhaft eleganten Bewegungen und seiner Eleganz beeindruckt. Er war ein Athlet, einer der Hengste, die einen zweiten Blick verdienen. Kein "Mister America", aber ein tadellos gebautes Pferd, das unter dem Sattel brillierte. Richard Pritzlaff, ein begnadeter Reiter, schätzte an an ihm vor allem, was er seinen Fohlen mitgab: "Einen exzellenten Widerrist, schräge Schultern, gute Beine und besonders feine Hälse mit leichtem Genick." Für Pritzlaff war Rashad ein verläßlicher Zuchthengst, einer, bei dem man wußte, was er vererbte: sein Leistungsvermögen, seine Gänge und vor allem seinen völlig unkomplizierten Charakter. Aber er war mehr als das, mehr als einer der seltenen Nazeer-Söhne, die zu kostbar waren, um sie zu reiten. Er war Pritzlaffs Freund und persönliches Reitpferd.

Oberst Handler und Richard Pritzlaff trainieren Rashad Ibn Nazeer

 

"Oberst Handler (der Chef der Spanischen Reitschule in Wien) verbrachte einige Sommer auf meiner Ranch und trainierte Rashad und mich", berichtete Richard Pritzlaff. "Leider bestand zu dieser Zeit in Amerika wenig Interesse an klassischer Dressur, obwohl Rashad und sein Sohn Tibor the General (der seinen Namen zu Ehren des Generals von Szandtner erhalten hatte) wirklich einiges konnten. Und im Dressursitz zu reiten, im Gleichgewicht und Rhythmus mit dem Pferd, ist die angenehmste Art - für Reiter und Pferd!"

"Oberst Handler war erstaunt, wie schnell Rashad die Dressurbewegungen lernte, und wie elegant und willig er sie ausführte. Bei späteren Besuchen überraschte es ihn, daß Rashad sich an alles erinnerte, was er ihn gelehrt hatte und mit welcher Freude er arbeitete. Rashad lernte eine beachtenswerte Piaffe in ungefähr zehn Lektionen - einige Pferde brauchen fast ein Jahr, um in etwa den gleichen Leistungsstand zu erreichen." Das spricht für Rashads Intelligenz, die er seinen Fohlen ebenfalls vererbte.

Rashads internationalster Sohn war Rasmoniet,
der Nachkommen in vier verschiedenen Ländern zeugte

 

Aber Rashads Aktivitäten in der Zucht hielten sich in Grenzen. Insgesamt zeugte er 35 Fohlen. Vergleicht man diese Zahl mit der Anzahl der Fohlen, die andere Nazeer-Söhne in den USA brachten, erscheint das recht mager. Doch Rashad stand keinen Fremdstuten zur Verfügung, betrat nie einen Schauring und deckte nur die Stuten seines persönlichen, kleinen Harems auf der Rancho San Ignacio seines Besitzers.

Bint Moniet El Nefous (Nazeer x Moniet El Nefous) bekam zehn Fohlen von Rashad

 

Zehnmal paarte ihn Richard Pritzlaff mit seiner exotischsten Stute an, der wunderschönen Bint Moniet El Nefous (Nazeer x Moniet El Nefous). Fünf Söhne und fünf Töchter wurden geboren. Der 1971 geborene Rasmoniet war der bedeutendste von allen und wurde ein wahrer Globetrotter. In vier verschiedenen Ländern war er als Deckhengst aktiv - in Amerika, in Kanada, in England und Australien.

Pritzlaffs Ideal-Hengst: Dymoniet (Rashad Ibn Nazeer x Bint Moniet El Nefous)

 

Sein Vollbruder Dymoniet RSI war einer der größten Favoriten Richard Pritzlaffs. "Er ist der edelste und korrekteste von allen meinen Hengsten", sagte er 1987. "Rein äußerlich verbindet er alle Qualitäten miteinander, die mein Zuchtprogramm ausmachen."

Richard Pritzlaff und sein treuer Freund Dymoniet

 

Rasmoniets und Dymoniets Vollschwestern Bint Bint Moniet, Raya del Sol und Monisa RIS wurden von Jarrell McCracken (ehemaliger Besitzer der Bentwood Farm in Texas) für seine gigantische Herde rein ägyptischer Pferde erworben. Sie gewannen etliche "A"-Schauen und Bint Bint Moniet erreichte 1975 sogar die "Top Ten" bei den U.S. Nationals. Alle drei Stuten waren dazu bestimmt mit dem neuen Hauptbeschäler der Bentwood Farm angepaart zu werden, dem aus Ägypten importierten Ibn Moniet El Nefous (Morafic x Moniet El Nefous).

Photo: Filsinger
AK Khattar-Moniet (Amaal x AK Monisa-Moniet)

 

1973 war es soweit, das erste von Bentwood gezogene Ibn Moniet El Nefous-Fohlen kam zur Welt. Es war AK Monisa Moniet, eine braune Stute (aus der Monisa RSI), die ihrerseits den schönen Hengst AK Khattar-Moniet (von Amaal) zur Welt brachte. Dieser kleine, schneeweiße Hengst mit Augen so groß wie Äpfel, kam nach Europa und hinterließ einige interessante Fohlen, bevor er 1989 starb. AK Monisa-Moniets Vollschwester AK Radia entwickelte sich zu einer dominanten Zuchtstute; ihr bedeutendster Sohn ist der mächtige Schimmel BKA Rashiiq (von Ruminaja Ali).

Photo: Berg
Die nächste Generation: BKA Rashiiq (Ruminaja Ali x AK Radia)

 

Allerdings waren und sind einige Züchter davon überzeugt, Rashad habe den besonderen Typ von Bint Moniet El Nefous zerstört, da die gemeinsamen Fohlen bei weitem nicht so extrem ausfielen wie die Mutter. Doch in den "goldenen Achtzigern" war das egal, und so schrieb Bentwoods führende Stute, Bint Bint Moniet, Zuchtgeschichte als ihr Sohn Moniet El Sharaf mit 10 000 000 US Dollars syndikatisiert wurde (lesen Sie es ruhig noch einmal - zehn Millionen US Dollars!).

Photo: Johnston
Bint Bint Moniet (Rashad Ibn Nazeer x Bint Moniet El Nefous)

 

Zu dieser Zeit befand sich die "Araberindustrie" in Amerika auf ihrem Höhepunkt und Moniet El Sharaf zeugte mehr als 400 Fohlen. Sein Anblick bot dem Auge in der Tat faszinierende Schönheit dar. Er besaß den Typ seines Vaters und den soliden Körperbau von Rashad. Mit jedem Schritt, den er tat, demonstrierte er seinen Adel. Er liebte es, sich vor Zuschauern zu präsentieren: Er trabte, hielt an, blickte uns herausfordernd an, schnaubte ein paar Mal und ließ seinen Schweif langsam in die Höhe wachsen. Er war ein Star, und nur wenige konnten ein Publikum so begeistern wie er.

Photo: Johnston
Moniet El Sharaf (Ibn Moniet El Nefous x Bint Bint Moniet), das "Zehn-Millionen-Dollar-Pferd"

 

Moniet El Sharaf hinterließ keinen einzigen Sohn, der ihm ebenbürtig gewesen wäre. Allerdings wurden seine Töchter verläßliche Zuchtstuten. In Europa macht Moniet El Sharaf seinen Einfluß durch die extrem typvollen Stuten AK Shariha (x AK Tashiha von Farazdac) und Maarshafa (x Bint Bint Maarena) geltend. Letztere wurde vor einiger Zeit nach Qatar abgegeben.

Photo: van Lent
AK Ghazala (Ibn Moniet El Nefous x Bint Bint Moniet), Moniet El Sharafs "kleine" Schwester

 

Nach dem Bankrott der Bentwood-Farm fiel Moniet El Sharaf der Vergessenheit anheim und starb relativ unbeachtet Ende 1999. Seine Vollschwester AK Ghazala wurde nach Frankreich verkauft und lieferte ihren neuen Besitzern hervorragende Fohlen (insbesondere mit Imperial Imdal).

Photo: Trees
Bint Bint Moniets letzter Sohn: Moniets Legacy (von The Minstril)

 

Bint Bint Moniets letztes Vermächtnis für die Zucht war der 1990 geborene Rapphengst Moniets Legacy (von The Minstril). Von Beginn an überraschte er durch seine außerordentliche Kraft. Beine, Hals, Genick - alles an ihm ist lang und muskulös. Seine Besitzer sind Lee und Suzy Foss aus Montana, seit Generationen Rinderzüchter. Für sie ist ein Pferd nur dann etwas wert, wen es sich den Lebensunterhalt selbst verdient - durch harte Arbeit unter dem Sattel. Wie sein Großvater Rashad ist auch Moniets Legacy ein geborener Athlet und wird täglich geritten - als Arbeitspferd muß er helfen die Rinder zusammenzutreiben. "Legacy vererbt den meisten seiner Nachkommen Bint Bint Moniets fabelhafte Beine - Beine, mit denen Pferde arbeiten können!", sagt Suzy Foss. "Die Rinderzüchter aus der Umgebung lieben seine Fohlen. Sie sind intelligent, leicht zu trainieren und extrem einfach zu handhaben. Es sind Arbeitspferde, die von Pferden abstammen, die ebenfalls arbeiten konnten." Richard Pritzlaff wäre bestimmt stolz auf diesen Hengst!

Photo: Johnston
Alcibiades, Rashads einflußreichster Sohn

 

Ein anderer Hengst, auf den Richard Pritzlaff erwiesenermaßen stolz war, war Bint Bint Moniets Vollbruder Alcibiades. Ein einflußreicher Zuchthengst, der 1965 geboren wurde. Von ihm stammten einige von Richard Pritzlaffs besten Zuchtstuten und später verhalf er dem Gestüt von Norton und Millie Grow zum Durchbruch. Viele seiner Söhne und Töchter strahlten am amerikanischen Schauhimmel oder leisteten ihren wertvollen Beitrag in der Zucht. "Alcibiades war wahrscheinlich eines der besten Pferde, die Richard je gezüchtet hat", sagt Millie Grow. "Sehr anständig und dabei wunderschön. Wir hatten bei Richard eine Reihe seiner Fohlen gesehen und sie alle hatten die geraden Kruppen und den extremen Kopf des Vaters - alles, von der Jibbah bis zu seinem schönen Profil. Und alle hatten gute Beine. Und gute Beine waren uns sehr wichtig. Wir wußten, daß wir bei uns in den Bergen keine Pferde mit schlechten Beinen gebrauchen konnten. Und wir waren nicht bereit gute Beine gegen guten Typ einzutauschen - oder umgekehrt. Wir wollten beides!" Alcibiades erbte Rashad Ibn Nazeers brillante Aktion und seinen athletischen Körperbau (und einen Großteil der Schönheit seiner Mutter). Viele hielten ihn für Rashads wahren Sohn und Nachfolger. Der einzige andere Rashad-Sohn, der zu einigem Einfluß gelangte war Shiko Ibn Sheikh (x Bint El Bataa von Nazeer), dessen Fohlen häufig die begehrte Rappfarbe zierte.

Photo: Johnston
AK Bay Moniet, ein Enkel von Shiko Ibn Sheikh, zeigt die typischen Charakteristika dieser Linie

 

Alle arabischen Pferde auf der Rancho San Ignacio führten ein ruhiges, streßfreies Leben an gesunder, glasklarer Bergluft. Sie sahen nie einen Schauring, denn Richard Pritzlaff hielt das Ausrasieren der Ohren und das Abrasieren der Tasthaare um die Nüstern schlicht für Tierquälerei. Dieser Schauboykott und das Fehlen einer großen Anzeigenkampagne könnten die Ursache dafür gewesen sein, warum Rashad Ibn Nazeer nicht den gleichen Einfluß auf die Zucht ausüben konnte wie Morafic oder Ansata Ibn Halima. Doch er fand eine treue Anhängerschaft in jenen, die mehr in einem Pferd sahen als ein hübsches Gesicht. Für die, die nach den harten Wüstenpferden suchten, den treuen Kameraden der Beduinen, den athletischen Reitpferden waren Rashad Ibn Nazeer und seine Nachkommen immer die erste Wahl!

Linda Thol

KURZ-PROFIL   


Name:
Rashad Ibn Nazeer

Vater:
Nazeer (Mansour x Bint Samiha)

Mutter:
Yashmak (Sheikh El Arab x Bint Rissala)

Geboren:
04.11.1955

Importiert:
1958

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